{"id":458,"date":"2015-02-24T12:42:52","date_gmt":"2015-02-24T12:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=458"},"modified":"2016-01-27T13:37:29","modified_gmt":"2016-01-27T13:37:29","slug":"6-was-ist-fuer-uns-erfolg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=458","title":{"rendered":"6.- Was ist f\u00fcr uns Erfolg?"},"content":{"rendered":"<p>Wir w\u00fcnschen einem Bekannten \u201eviel Erfolg!\u201c, wenn wir ihm beim Abschied etwas Gutes w\u00fcnschen wollen. Womit er Erfolg haben will, bleibt ihm selbst \u00fcberlassen. Vielleicht will er in seiner Ausbildung oder im Beruf weiter kommen, vielleicht eine Frau erobern, vielleicht plant er, eine Bank zu \u00fcberfallen.<\/p>\n<p>Erfolg ist ein neutraler Begriff \u2013 ein leeres Gef\u00e4\u00df, bei dem es um den Inhalt geht. Auch ein M\u00fcllbeh\u00e4lter unterscheidet sich vor allem \u00fcber seinen Inhalt von einer Schatzkiste. <strong>Worin wollen wir erfolgreich sein?<\/strong> Es geht um das, was wir wollen: um unsere Ziele. Wenn wir sie oder wichtige Etappenziele erreichen, dann ist das f\u00fcr uns ein Erfolg.<\/p>\n<p>Das Problem beim <strong>Erfolg<\/strong> ist, dass er <strong>meist automatisch mit materiellen Zielen in Verbindung gebracht<\/strong> wird. Wenn wir von jemandem sagen: \u201eEr ist sehr erfolgreich\u201c, dann assoziieren wir eine steil verlaufene berufliche Karriere und hohes Einkommen. Wir denken dabei kaum an einen Menschen, der erfolgreich seine Gier nach materiellen Gen\u00fcssen \u00fcberwunden hat, zufrieden am Ufer eines Sees entlang spaziert und sich an der Natur erfreut.<\/p>\n<p>Wer das Buch \u201eHaben oder Sein\u201c von Erich Fromm gelesen hat, der wei\u00df, dass das Streben nach materiellem Erfolg auch <strong>Ersatzbefriedigung<\/strong> sein kann. Das Ziel, reich und m\u00e4chtig zu werden, ist oft nichts anderes als ein Vehikel, um die eigene Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen \u2013 und vielleicht ein Mittel gegen die Angst, den Mitmenschen unterlegen und von ihnen abh\u00e4ngig zu sein oder gar verachtet zu werden. Er wei\u00df: ich werde von meinen Mitmenschen h\u00f6her gesch\u00e4tzt, wenn ich in teurer Kleidung, mit teurem Schmuck, teurem Auto oder sonstigen Statussymbolen auftrete.<\/p>\n<p>Die <strong>Macht des Geldes<\/strong> liegt in seiner Eigenschaft, von sehr vielen Menschen als<strong> Ma\u00dfstab f\u00fcr den Wert eines Menschen<\/strong> gedeutet zu werden: ist er wohlhabend oder arm? Ist er erfolgreich oder ein Versager? Wer diesen Ma\u00dfstab verinnerlicht hat, der ist in seinem Selbstwertgef\u00fchl abh\u00e4ngig davon, dass er immer gut verdient. Er ist zum <strong>Knecht einer Vorstellung<\/strong> <strong>vom<\/strong> materiell erfolgreichen Leben als dem \u201e<strong>richtigen Leben<\/strong>\u201c geworden. Er ist perfekt an den Kapitalismus angepasst, ist zu einem kleinen Motor geworden, der dieses System am Laufen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Bis hierher k\u00f6nnen wir noch sagen: <strong>selber Schuld!<\/strong> Wer so bl\u00f6d ist und sich auf so eine Denkschiene begibt, der hat sich selbst in diese Abh\u00e4ngigkeit begeben, der ist freiwillig in ein Gef\u00e4ngnis gegangen. (Ich werde noch darauf kommen, dass es so einfach nicht ist.)<\/p>\n<p>Das Gegenteil eines solchen Gef\u00e4ngnisinsassens ist der alte Grieche <strong>Diogenes in der Tonne<\/strong>, jemand, der mit extrem wenig Wohnkomfort zufrieden ist und den Augenblick genie\u00dft. Dieser Mensch verf\u00fcgte \u00fcber eine Lebensphilosophie, die ihn frei machte von den W\u00fcnschen nach Reichtum und Macht. Wir kennen alle die Erz\u00e4hlung: Als <strong>Alexander der Gro\u00dfe<\/strong>, der reichste und m\u00e4chtigste Mensch der damaligen Welt, Diogenes begegnete und ihn, weil er ihn als Philosophen bewunderte, fragte: \u201eWas kann ich f\u00fcr Dich tun? W\u00fcnsche Dir was immer Du willst! Ich werde Dir diesen Wunsch erf\u00fcllen.\u201c, da antwortete dieser: \u201e<strong>Geh mir aus der Sonne.\u201c<\/strong> Mit dieser Bemerkung hat er eine Rangordnung anderer Art sichtbar gemacht. Alexander stand in dieser Ordnung nicht mehr \u00fcber ihm \u2013 als jemand, der ihm an Reichtum und Macht \u00fcberlegen ist. In den Augen des Philosophen z\u00e4hlten diese Attribute nichts. Es kommt im Leben mehr auf andere Dinge an.<\/p>\n<p>Wenn wir diese beiden <strong>Repr\u00e4sentanten unterschiedlicher Lebensstile<\/strong> vergleichen und uns f\u00fcr Diogenes entscheiden, dann stehen wir nicht mehr unter falschem Erfolgsdruck. Das klingt einfacher als es ist. Warum ist es nicht einfach?<\/p>\n<p>Wir sind Kinder unserer Zeit. Wir passen uns dem \u201eZeitgeist\u201c an, um nicht komische Au\u00dfenseiter zu sein und nicht ausgeschlossen zu werden (siehe <a title=\"2.- Soziale Angst und Anpassung\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259\">Beitrag 2<\/a>). Der Zeitgeist hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt.<\/p>\n<p>In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts \u2013 zu Zeiten der <strong>Rebellion gegen \u201edas Establishment\u201c<\/strong>, gegen die \u201eb\u00fcrgerliche Gesellschaft\u201c, hinter deren gl\u00e4nzender Fassade sich Langeweile, Engstirnigkeit und autorit\u00e4res Gehabe verbargen &#8211; haben Studenten nach anderen Werten gesucht. Der damalige \u201eZeitgeist\u201c, zumindest unter jungen Menschen, war anders als der heutige. Reichtum und Machtgehabe wurden verachtet. Das zeigte sich zum Beispiel auch in der bevorzugten Kleidung. Anz\u00fcge, Schlips und Kragen waren verp\u00f6nt, galten als Unterwerfung unter eine zwanghafte B\u00fcrgerlichkeit. Man trug Jacken und Bluejeans, die l\u00e4nger hielten und auch nicht unbedingt sauber sein mussten. Die M\u00e4dchen kleideten sich in fantasiereiche Kleider und M\u00e4ntel. Die Frisuren und B\u00e4rte waren nicht gestutzt, sondern sie wurden getragen wie sie wuchsen. Slogans wie \u201emake love, not war\u201c waren <strong>Ausdruck eines freien Lebensgef\u00fchls<\/strong>, das sich gegen materielle Statussymbole und falsche Autorit\u00e4ten abgrenzte.<\/p>\n<p>Heute sind \u201edie 68iger\u201c und die \u201eHippies\u201c out. Manche erinnern sich noch mit romantischen Gef\u00fchlen an diese Menschen, andere spotten \u00fcber sie als \u201elebensferne Tr\u00e4umer\u201c und ordnen sie nach den heute geltenden Schablonen als \u201eVersager\u201c ein. Letzteres hat Alexander der Gro\u00dfe mit dem armen Philosophen nicht gemacht. Er hat ihn wohl eher beneidet, denke ich. Er war an seinen \u201eErfolgsweg\u201c weiter gebunden und konnte es sich nicht einfach in der Sonne gut gehen lassen. Er hat sich von der <strong>\u201eKunst des einfachen Lebens\u201c<\/strong> \u00fcberfordert gef\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Was ist das &#8222;gute Leben&#8220;?<\/strong> Das ist eine uralte Menschheitsfrage. <strong>Peter Sloterdijk<\/strong> sieht die moderne Welt im Steigerungswahn gefangen. Das mittelalterliche Sprichwort &#8222;nun plus ultra&#8220; (bis hierher und nicht weiter) wurde vom letzten r\u00f6misch-deutschen Kaiser Karl V. verk\u00fcrzt in &#8222;Plus Ultra&#8220; (immer weiter). Diese Losung steht heute noch in der spanischen Flagge.\u00a0 Dieser Appell zu einer z\u00fcgellosen Steigerung ist heute allgemein anerkannt und wird von den Politkern und Wirtschaftsf\u00fchrern Fortschritt und Wachstum genannt. Darauf seien wir angewiesen.<\/p>\n<p><strong>Michel Foucault<\/strong> hat in eine andere, bessere Richtung gedacht und festgestellt: gutes Leben meine nat\u00fcrlich zun\u00e4chst einmal das angenehme, sichere Leben f\u00fcr den einzelnen. Aber es meine auch das im ethisch-moralischen Sinne &#8222;anst\u00e4ndige&#8220; Leben im Sinne einer Gemeinschaft, die nicht nur funktiniert, sondern auch die Regeln eines friedlichen, herrschaftsfreien Zusammenlebens beherzigt. <strong>Gutes Leben sei immer &#8211; und meist sogar zuerst &#8211; eine sozial-ethische Kategorie<\/strong>.<\/p>\n<p>Foucault findet f\u00fcr sein Denken Anleitungen, \u00dcbungen und Vorschriften in den hellenistischen und r\u00f6mischen<strong> Schriften von Platon bis Plutarch, Seneca, Epiktet, Marc Aurel und Plinius.<\/strong> Er hat von ihnen gelernt, was gutes Leben in dieser doppelten Hinsicht (f\u00fcr den Einzelnen und f\u00fcr die Gemeinschaft) sein kann und wie es dazu kommen kann. Schl\u00fcsselbergriffe dabei sind M\u00e4\u00dfigung und kritsche Selbstbetrachtung. Es geht dabei nicht um Vorschriften der Askese (um Disziplinierung und Gehorsam, wie es im Christentum gepredigt wurde), sondern um Freiheit und Freude. Bei Foucault hei\u00dft das die Anleitung zur &#8222;Sorge um sich&#8220; (Le Souci de soi), zur &#8222;Kultur seiner selbst&#8220;, zur &#8222;\u00c4stethik der Existenz&#8220;. Das ist etwas ganz anderes als was heute unter &#8222;Selbstoptimierung&#8220; gemeint ist. Es geht darum, einen Weg zu w\u00e4hlen, &#8222;\u00fcber den man, alle Abh\u00e4ngigkeiten und alle Knechtschaften vermeidend, am Ende sich selbst erreicht.&#8220;<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sieht es der alte R\u00f6mer <strong>Seneca<\/strong> im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Er will in t\u00e4glicher \u00dcberpr\u00fcfung &#8222;sich vor sich selbst verantworten&#8220;, &#8222;sich Rechenschaft geben \u00fcber sein sittliches Verhalten&#8220;, &#8222;nichts vor sich verbergen&#8220;. Er will nicht seine Freude am Leben abt\u00f6ten, will keinen Sieg \u00fcber seinen K\u00f6rper, sondern er will Wahrhaftigkeit. Es geht ihm um Aneignung und Besitz seiner selbst. Er will nur sich geh\u00f6ren, sein eigener Herr sein, niemand sonst gehorchen.<\/p>\n<p>In der &#8222;\u00c4sthetik der Existenz&#8220; von<strong> Foucault<\/strong> hei\u00dft es: &#8222;Der Wille, ein moralisches Subjekt zu sein, und die Suche nach einer Ethik der Existenz waren in der Antike ein Bem\u00fchen, seine Freiheit zu behaupten und seinem eigenen Leben eine Form zu geben, in der man sich anerkennen und von den anderen anerkannt werden konnte. Sogar die Nachwelt konnte sich daran ein Beispiel nehmen.&#8220; Seneca sagt in diesem Sinne: &#8222;disce gaudere&#8220;, &#8222;lerne, dich zu freuen!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Von diesem Denken haben wir uns weit entfernt.<\/strong> Bei uns gelten, wie oben ausgef\u00fchrt, inzwischen andere Ma\u00dfst\u00e4be und Gl\u00fccksvorstellungen. Die Dialektik von Individuum und Gemeinschaft, die Spannung zwischen dem Privaten und der Gesellschaft wird heute kaum noch reflektiert, um sie bewusst gestalten zu k\u00f6nnen, sondern man \u00fcberl\u00e4sst das Ruder dem freien Markt.<\/p>\n<p>Das Studium ist inzwischen bei uns total <strong>verschult<\/strong> &#8211; angepasst an das US-amerikanische Ausbildungssystem, das nicht das Reflektieren und den kritischen Diskurs, sondern das Wiederkeuen von Fakten belohnt (Credit-Points). Sogar in der Grundschule werden die Kinder bereits darauf gedrillt, sp\u00e4ter wettbewerbsf\u00e4hig zu sein, erfolgreich im Beruf &#8211; weil die Angst vor dem Versagen und vor Armut im Nacken sitzt. Das Leben ist h\u00e4rter geworden. Arbeitslosigkeit droht dem, der nicht fr\u00fchzeitig seine Weichen im Leben auf Erfolg stellt.<\/p>\n<p><strong>Der Anpassungsdruck hat sich gewaltig erh\u00f6ht.<\/strong> Das geht zu Lasten eines freien und kreativen Denkens. Das Fragen und Suchen au\u00dferhalb dessen, was der Karriere dient, gilt als Zeitverschwenden. Debatten \u00fcber politische und wirtschaftliche Fragen, auch \u00fcber Fragen des Lebenssinns, werden als \u00fcberfl\u00fcssig abgetan. Alles muss verwertbar sein.<\/p>\n<p>Wir kennen den alten Spruch: \u201e<strong>Armut ist keine Schande\u201c<\/strong>. Dieser Spruch scheint mir schon eine Reaktion zu sein auf eine Haltung, die Armut als etwas Schlechtes sieht und die davon betroffenen Menschen geringsch\u00e4tzt. Es geht hier um eine \u201eabgefederte\u201c Armut, also um eine Lebenssituation, in der nicht gehungert und gefroren werden muss, sondern in der Menschen bescheiden leben k\u00f6nnen. Ihr Existenzminimum ist gesichert.<\/p>\n<p>Und hier sind wir bei der \u201e<strong>Sozialen Marktwirtschaft\u201c und ihrem sozialen Netz<\/strong>, speziell bei den Empf\u00e4ngern von Hartz IV. Ist ihre materielle Lebenssituation nicht vergleichbar mit der des Diogenes in der Tonne? Sie ist es, allerdings fehlt sehr oft wohl <strong>das Entscheidende: die philosophische Lebenshaltung<\/strong>. Es fehlt die Identifikation mit einem Wertesystem, in dem das Materielle einen untergeordneten Stellenwert hat. Und diese auf immaterielle Werte gerichtete Haltung ist in einer Umgebung, in der das verbreitete Denken den Grad des materiellen Wohlstands (den materiellen Erfolg) als Indikator f\u00fcr den Wert des Menschen nimmt, verdammt schwer zu erlangen und durchzustehen. Das Problem ist das Urteil derer, die <strong>Armut mit Versagen gleichsetzen<\/strong>, und die Bereitschaft des Armen, dieses Urteil zu \u00fcbernehmen und sich so sein Selbstbild (seinen Selbstwert) zerst\u00f6ren zu lassen.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind nur selten geneigt, die Ordnung in der wir leben, zu negieren und zu sprengen, um uns nach ganz eigenen Vorstellungen zu entfalten. Das ist meist nur ein sch\u00f6ner<br \/>\nTraum. Wir f\u00fcgen uns meist der herrschenden Ordnung mit ihren Erwartungen an uns.<\/p>\n<p>Die <strong>Herkunft des Begriffs Erfolg<\/strong> scheint mir zu sein: <strong>\u201eEr folgt\u201c<\/strong>. Er folgt einem Anf\u00fchrer, einem Herrscher, einem Gesetz, kurz: einer Autorit\u00e4t. Die Autorit\u00e4t gibt den Ma\u00dfstab vor, nach dem die Wirkung einer Handlung bemessen wird. Als erfolgreich gilt, wer im Sinne dieser Autorit\u00e4t eine deutlich \u00fcberdurchschnittliche Leistung erbracht hat und diese Leistung von ihm selbst und\/ oder von den Mitmenschen als etwas Besonderes \u2013 eben als Erfolg &#8211; gew\u00fcrdigt wird.<\/p>\n<p>Nicht nur die Armen sind Opfer der erdr\u00fcckenden Anspr\u00fcche einer <strong>Leistungsgesellschaft<\/strong>, in der wirtschaftlicher Erfolg zum dominanten Wertma\u00dfstab geworden ist. Auch der Angeh\u00f6rige der Mittelschicht, der in der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und vor dem Absturz in die Armut lebt, f\u00fchlt sich als Getriebener. Auch der Berufsanf\u00e4nger, der, wenn \u00fcberhaupt, nur eine schlecht bezahlte Arbeitsstelle ergattert oder sich als Selbst\u00e4ndiger seinen Lebensunterhalt verdienen will, steht vor gro\u00dfen Hindernissen, wenn er sich nicht nur als Einzelner durchschlagen, sondern auch noch eine Familie gr\u00fcnden will.<\/p>\n<p>Obwohl st\u00e4ndig die <strong>Produktivit\u00e4t steigt<\/strong>, also immer mehr G\u00fcter und Dienstleistungen mit immer weniger Arbeitsaufwand entstehen, steigt der <strong>Arbeitsstress und die Unsicherheit<\/strong>. Die gestiegenen Gewinne aus der erh\u00f6hten Produktivit\u00e4t sammeln sich bei den Kapitaleignern. Die L\u00f6hne der Arbeitnehmer in Deutschland sind in den letzten Jahrzehnten dagegen nicht gestiegen. Es werden immer mehr G\u00fcter erzeugt, die eigentlich nicht gebraucht und doch gekauft werden. Es w\u00e4re kl\u00fcger, weniger zu konsumieren und daf\u00fcr mehr Zeit f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr den Partner, f\u00fcr die Kinder, f\u00fcr Freunde zu haben. <strong>Weniger Arbeit<\/strong> b\u00f6te die Chance zu mehr Lebensqualit\u00e4t. Weniger Arbeit und weniger Stress b\u00f6te auch mehr zeitlichen Freiraum f\u00fcr politische und ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>Aber der <strong>Mechanismus der Kapitalverwertung<\/strong> geht unaufhaltsam weiter. Die Menschen meinen, ihn bedienen zu m\u00fcssen, werden zu R\u00e4dern in einem Getriebe. Es entzieht sich der politischen Steuerung, weil sich der Staat nur noch als Wirtschaftsstandort versteht und nicht wagt, den Unternehmen im Sinne des Gemeinwohls klare Rahmenbedingungen vorzugeben.<\/p>\n<p>Wem es nicht gelingt, aus dieser alles verschlingenden Dynamik auszusteigen, der wird zum Opfer eines Systemzwangs, der ihm nur eine Wahl l\u00e4sst: Erfolg oder Scheitern. Die Philosophin <strong>Ariadne von Schirach<\/strong> hat in ihrem Buch &#8222;<strong>Du sollst nicht funktionieren<\/strong>&#8220; (2014) den Wahn der Selbstoptimierung analysiert und pl\u00e4diert f\u00fcr eine neue Lebenskunst: die Verweigerung gegen\u00fcber dem scheinbaren Zwang, sich in einem sinnlosen Hamsterrad verbrauchen zu lassen.<\/p>\n<p>Im <strong>ungebremsten Kapitalismus<\/strong> h\u00e4lt der Wettbewerbsdruck das System aufrecht, treibt es voran und ist Bedingung daf\u00fcr, dass sich der eigene Wirtschaftsstandort gegen\u00fcber anderen Standorten behaupten kann. Diese Eigendynamik wird von den Nutznie\u00dfern ger\u00fchmt, von den Getriebenen und Verlierern gehasst. Vielleicht ist es das, was <strong>Adorno<\/strong> meinte, als er sagte: es gibt kein richtiges Leben im falschen. Der Einzelne f\u00fchlt sich oft machtlos &#8211; als R\u00e4dchen im System und als dessen Opfer. Nur die ganz Starken k\u00f6nnen sich dem allgemeinen Erwertungsdruck erwehren und gegen den Strom schwimmen, indem sie sich dem Konsumwahn entziehen &#8211; und die Verachtung ihrer &#8222;erfolgreichen&#8220; Mitmenschen aushalten.<\/p>\n<p>Das kann sich \u00e4ndern. Vielleicht kommt bald <strong>eine Zeit, in der die Wachstumsdynamik an ihre Grenzen<\/strong> st\u00f6\u00dft. Dann wird die von der Werbung erzeugte Welt des \u00dcberflusses und des obsz\u00f6nen Zur-Schau-Stellens von Reichtum als gescheitert gelten. Ich denke an die <strong>Endlichkeit der nat\u00fcrlichen Ressourcen<\/strong>, an die Notwendigkeit, das wirtschaftliche Wachstum zu begrenzen und einen Lebensstil zu pflegen, der die <strong>Quellen der Freude<\/strong> nicht in der materiellen Scheinbefriedigung findet, sondern in gelungenen Beziehungen zu anderen Menschen, in interessanten Debatten, in k\u00fcnstlerischer und handwerklicher Bet\u00e4tigung, im Aufenthalt in einer vielf\u00e4ltigen Landschaft.<\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber die <strong>Grenzen des Wachstums<\/strong>, die 1972 durch den Club of Rome angesto\u00dfen wurde und dann in der neoliberalen Epoche unter dem Druck des globalen Standortwettbewerbs versiegte, ist wieder lebendig geworden. <strong>Unser Planet kann nicht unendlich ausgepl\u00fcndert<\/strong> <strong>werden<\/strong>. Und die Menschen lassen sich nicht ewig mit der Angst um ihren Arbeitsplatz kleinlaut halten.<\/p>\n<p><strong>Das kapitalistische System steht vor der Wahl<\/strong>: entweder es verst\u00e4rkt seine soziale und seine \u00f6kologische Komponente (anstatt sie neoliberal abzuschmelzen), oder es verliert seine Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung. Diese wird nicht mehr lange hinnehmen, dass trotz steigender Produktivit\u00e4t &#8222;unten&#8220; nichts ankommt und sich der Reichtum nur &#8222;oben&#8220; ansammelt. Wenn auch die Mittelschicht mehr und mehr erkennt, dass ihr Wohlstand br\u00f6ckelt und sogar abzurutschen beginnt, wird sich die Bev\u00f6lkerung nicht mehr l\u00e4nger der anonymen Macht der M\u00e4rkte unterwerfen, wird ihren Glauben an die neoliberal infizierten Experten (in der Wissenschaft und in den Medien) verlieren und sich die Demokratie (die politische Selbstbestimmung) zur\u00fcckholen, siehe auch Beitrag <a title=\"Eine linke Utopie (Dem. 22)\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=653\">22.Dem<\/a>.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir w\u00fcnschen einem Bekannten \u201eviel Erfolg!\u201c, wenn wir ihm beim Abschied etwas Gutes w\u00fcnschen wollen. Womit er Erfolg haben will, bleibt ihm selbst \u00fcberlassen. Vielleicht will er in seiner Ausbildung oder im Beruf weiter kommen, vielleicht eine Frau erobern, vielleicht plant er,&#8230;<\/p>\n<p><a class='more-link' href='https:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=458'>Read More <span class='screen-reader-text'>6.- Was ist f\u00fcr uns Erfolg?<\/span><\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[90],"tags":[270,268,280,272,271,278,277,275,432,269,279,276,274],"class_list":{"1":"post","2":"publish","3":"author-admin","4":"post-458","6":"format-standard","7":"category-einzelbetrachtungen","8":"post_tag-armut-und-reichtum","9":"post_tag-erfolg","10":"post_tag-gepluenderter-planet","11":"post_tag-hartz-iv","12":"post_tag-kunst-des-einfachen-lebens","13":"post_tag-lebensphilosophie","14":"post_tag-lebensstile","15":"post_tag-macht-des-geldes","16":"post_tag-michel-foucault","17":"post_tag-persoenliche-ziele","18":"post_tag-studentenrevolte","19":"post_tag-wert-des-menschen","20":"post_tag-wertmassstaebe","21":"excerpt"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=458"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":898,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/458\/revisions\/898"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}