{"id":815,"date":"2015-09-23T11:55:43","date_gmt":"2015-09-23T11:55:43","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=815"},"modified":"2016-01-18T21:07:19","modified_gmt":"2016-01-18T21:07:19","slug":"24-weltformel-des-boesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=815","title":{"rendered":"24.- Weltformel des B\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>Alles Elend dieser Welt l\u00e4sst sich mit drei Begriffen erkl\u00e4ren: Zugeh\u00f6rigkeit, Angst und Hierarchie. Mit Elend meine ich Krieg, Hungersnot und bittere Armut, Umweltzerst\u00f6rung, Diskriminierung, Diktatur, krasse Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Kluft zwischen Arm und Reich, Raub, Hass, Vertreibung, Terrorismus, Nationalismus, Rassismus. Die Ursachen allen Elends lassen sich bek\u00e4mpfen, wenn mit den genannten drei Ph\u00e4nomenen, die elementar mit uns Menschen verbunden sind, vern\u00fcnftig umgegangen wird. Unsere Vernunft \u2013 unsere M\u00f6glichkeit des planvollen, intelligenten und ethisch reflektierten Handelns \u2013 ist also der Schl\u00fcssel zur Verbesserung der Welt. Diese meine steile Behauptung m\u00f6chte ich im Folgenden erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Zugeh\u00f6rigkeit, Hierarchie und Angst werden immer zum Leben jedes Menschen geh\u00f6ren. Denn hinter allen drei Begriffen verbergen sich elementare Bed\u00fcrfnisse. Es fragt sich nur, wie mit diesen Bed\u00fcrfnissen umgegangen wird.<\/p>\n<p><strong>Zugeh\u00f6rigkeit und Angst<\/strong><\/p>\n<p>Wir Menschen sind soziale Wesen. Jeder von uns geh\u00f6rt irgendwo dazu: zu einer Familie, Partnerschaft, Freundesgruppe, Interessengruppe, Unternehmen, Glaubensgemeinschaft, Nation etc. Wir entwickeln ein mehr oder weniger stark ausgepr\u00e4gtes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, ein Wir-Gef\u00fchl. Darauf beruht das Gef\u00fchl der sozialen Sicherheit \u2013 die Gewissheit, dass uns die Gruppe \u201eauff\u00e4ngt\u201c, wenn es uns schlecht geht. Das reicht von der selbst auferlegten Verpflichtung, sich um Familienangeh\u00f6rige oder Freunde zu k\u00fcmmern, wenn sie das brauchen, bis hin zu den sozialen Gesetzen und Institutionen des Staates. (siehe auch <a title=\"2.- Soziale Angst und Anpassung\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259\">Beitrag 2 <\/a>zu sozialen Angst)<\/p>\n<p>Jede Gruppe steht unter einem Zustimmungs- und Konsensdruck, den ihre Mitglieder aufeinander aus\u00fcben, damit die Gruppe ihre spezifischen Ziele \u201esolidarisch\u201c (also ohne das St\u00f6rfeuer Einzelner) ansteuern kann. <strong>Je mehr wir in unsere Gruppe eingebunden und von ihr abh\u00e4ngig sind und je mehr wir uns mit unserer Gruppe identifizieren, desto gr\u00f6\u00dfer ist unsere Angst, ausgeschlossen zu werden.<\/strong> Es ist die Angst, nicht mehr dazu zu geh\u00f6ren, aus der Bindung zu fallen, isoliert, allein und hilflos zu sein.<\/p>\n<p>Wenn diese Angst ein bestimmtes Ma\u00df \u00fcberschritten hat, f\u00fchrt sie zur Abh\u00e4ngigkeit, zur Preisgabe des eigenen Willens &#8211; auf der Ebene zwischenmenschlicher Beziehungen ebenso wir auf staatlicher Ebene.<\/p>\n<p>In der <strong>Partnerschaft oder in der Familie<\/strong> nutzt der \u201estarke\u201c Partner die Angst des \u201eschwachen\u201c aus, wobei mit \u201eschwach\u201c das Gef\u00fchl gemeint ist, vom anderen abh\u00e4ngig zu sein \u2013 materiell oder emotional. Ob die Abh\u00e4ngigkeit eine tats\u00e4chliche oder nur eine eingebildete ist, sei dahingestellt. Und mit \u201estark\u201c ist in diesem Zusammenhang die Skrupellosigkeit dessen gemeint, der seine Macht zulasten eines anderen Menschen ausspielt.<\/p>\n<p><strong>Diktaturen nutzen diese Angst<\/strong> vor Ausschluss aus der Gemeinschaft, indem sie auf Nationalismus setzen. Sie stabilisieren sich, indem sie sich in der Rolle des H\u00fcters und Verteidigers \u201edes Ganzen\u201c pr\u00e4sentieren. Dazu brauchen sie Feinde oder Feindbilder, damit sich das Volk geschlossen dagegen stellt. Je geschlossener eine Gesellschaft, desto mehr verlangt sie nach einer F\u00fchrergestalt. Je m\u00e4chtiger dieser F\u00fchrer, desto skrupelloser und ungehemmter kann er seine Untergebenen dazu zwingen, die gr\u00f6\u00dften Verbrechen zu begehen. Andere V\u00f6lker oder \u201einnere Feinde\u201c werden herabgesetzt und diskriminiert \u2013 im Extrem bis hin zu Krieg, Vertreibung und V\u00f6lkermord.<\/p>\n<p>Es gibt auch andere elementare \u00c4ngste, die mit Zugeh\u00f6rigkeit zusammenh\u00e4ngen. Die <strong>Angst vor Armut und bitterer Not<\/strong> macht den Arbeitnehmer abh\u00e4ngig von dem Unternehmen, in dem er arbeitet \u2013 und zwar dann, wenn er keine andere Arbeit als Einkommensquelle findet, die er zum \u00dcberleben braucht. In dieser Situation wagt er nicht zu streiken. Aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes duldet er unfaire Bezahlung, schlechte Arbeitsbedingungen bis hin zu himmelschreiender Ausbeutung.<\/p>\n<p>Der <strong>Freiheitsk\u00e4mpfer oder Terrorist<\/strong> identifiziert sich besonders stark mit den Idealen und Zielen seiner territorial, ideologisch oder religi\u00f6s abgegrenzten Gruppe. Bei ihm ist die Angst, nicht dazu zu geh\u00f6ren, besonders gro\u00df. F\u00fcr seine Gruppe ist er bereit, sein Leben zu opfern. Er kalkuliert damit oder nimmt es zumindest in kauf, dass seine Terroraktion unschuldige Opfer kostet.<\/p>\n<p><strong>Hierarchie<\/strong><\/p>\n<p>Gegen meine Ausf\u00fchrungen zu den negativen Begleiterscheinungen unseres Willens zur Zugeh\u00f6rigkeit lie\u00dfe sich einwenden: dagegen k\u00f6nnen wir etwas tun, indem wir uns als vern\u00fcnftige Wesen innerhalb der Gruppen und gruppen\u00fcbergreifend zusammensetzen und Regeln (Gesetze, Bestimmungen, Verhaltensregeln) ersinnen und durchsetzen, mit deren Befolgung die erw\u00e4hnten Formen des Elends aus der Welt geschafft werden k\u00f6nnen. Warum das nicht so einfach (fast unm\u00f6glich) ist, h\u00e4ngt mit dem Ph\u00e4nomen der Hierarchie zusammen.<\/p>\n<p><strong>So wie die Zugeh\u00f6rigkeit ist auch die Hierarchie als solche nichts Schlechtes<\/strong>. Sie geh\u00f6rt zu unserem Leben in der Gemeinschaft, die arbeitsteilig organisiert ist. Der eine kann das eine, der andere etwas anderes besser. Die Kompetenzen und daraus abgeleitete Aufgaben und Arbeitsfelder sind unleugbar unterschiedlich und werden das auch bleiben. So entwickelt sich zwangsl\u00e4ufig eine Ebene der Entscheidung und eine der Ausf\u00fchrung &#8211; sozusagen ein \u201eoben\u201c und ein \u201eunten\u201c. Es gibt Leute, die das Sagen haben und solche, die das tun, was ihnen gesagt wird. Warum? Weil es zur Aufgabe der Entscheidenden geh\u00f6rt, dass sie sich den \u00dcberblick verschaffen, den die anderen in einer Organisation (Unternehmen, Institution) nicht haben k\u00f6nnen, weil sie ihre Aufmerksamkeit und Energie auf das Ausf\u00fchren richten. Anders lassen sich komplexe Aufgaben und Arbeitsprozesse nicht bew\u00e4ltigen. Bis hier her \u2013 bis zur funktional begr\u00fcndeten Hierarchie \u2013 ist noch alles in guter Ordnung, denke ich.<\/p>\n<p><strong>Hierarchie wird zum Problem<\/strong>, wenn sie sich nicht mehr funktional rechtfertigen l\u00e4sst, sondern eine Eigendynamik entwickelt. Diese Eigendynamik, diese Losl\u00f6sung vom vern\u00fcnftigen Umgang &#8211; wirkt sich nicht nur kontraproduktiv aus, sondern verletzt auch Regeln des friedlichen und fairen Miteinanders. Der Irrsinn ungerechtfertigter Hierarchie \u2013 Befehl und Gehorsam, Machtaus\u00fcbung, Entm\u00fcndigung dessen, \u00fcber den bestimmt wird \u2013 ist tief im menschlichen Bed\u00fcrfnis nach einer \u201ePickordnung\u201c, eines Zusammenlebens nach dem Prinzip der H\u00fchnerleiter verankert. Und hier liegt die Schwierigkeit, Hierarchie auf das zu begrenzen, was vern\u00fcnftig ist.<\/p>\n<p><strong>\u201ePickordnung\u201c und \u201eH\u00fchnerleiter\u201c<\/strong> klingt harmlos. Es hat das Gerangel um Dominanz im allt\u00e4glichen Zusammenleben der Menschen im Blick. Aber da gibt es noch die <strong>h\u00f6here <\/strong>Entscheidungs- und Handlungsebene. Hier wird die <strong>Eigendynamik<\/strong> gef\u00e4hrlich, denn hier geht es um <strong>Macht und Einfluss in Politik, Wirtschaft und Kultur<\/strong>. Es geht um eine Ebene, von wo aus das Leben von Millionen Menschen entscheidend beeinflusst wird. Dort wird \u00fcber Krieg und Frieden, \u00fcber die Wirtschaftsordnung und den Umgang mit ihr, \u00fcber die Begrenzung des Mehrheitswillens und den Schutz von Minderheiten, \u00fcber das Zulassen oder Bek\u00e4mpfen von Armut und Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit, Willk\u00fcr, Gewalt, Not, Chaos, Umweltzerst\u00f6rung entschieden \u2013 kurz: \u00fcber all das, was im Konkreten unter &#8222;Sicherheit&#8220;, \u201esozialer Gerechtigkeit\u201c und \u201eWohlstand\u201c zu verstehen ist und auf welchem Wege es in welcher Verteilung erreicht werden soll.<\/p>\n<p>Wenn eine kleine Schicht zur Macht kommt, sprechen wir von <strong>Diktatur<\/strong>. Dann ist es nicht oder kaum noch m\u00f6glich, den Willen der Mehrheit oder die \u00dcberzeugungskraft des besseren Arguments zur Geltung zu bringen. Aber auch in einer <strong>Demokratie<\/strong> kennen wir die <strong>Macht der Eliten<\/strong>: der wenigen Reichen und M\u00e4chtigen, die \u00fcber den gr\u00f6\u00dften Teil des gemeinsam erwirtschafteten Reichtums verf\u00fcgen beziehungsweise einen nicht durch Wahlen legitimierten \u00fcbergro\u00dfen Einfluss auf Politik und Wirtschaft aus\u00fcben \u2013 einen Einfluss, der sich immer mal wieder \u00fcber den Mehrheitswillen hinwegsetzen kann.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass sich jede Gesellschaft in ein mehr oder weniger \u201eoben\u201c und \u201eunten\u201c ausdifferenziert oder spaltet. <strong>Wer oben ist, verteidigt<\/strong> mit den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln <strong>seine Position und die Privilegien<\/strong>, die er sich kraft seines relativ hohen Einflusses verschafft hat. Es kommt nun entscheidend darauf an, wie weit sich das Oben und Unten verfestigt, also wie weit die <strong>Durchl\u00e4ssigkeit nach Oben und Unten f\u00fcr jedermann<\/strong> gegeben ist. Unsere Demokratie und auch der Kapitalismus erheben den Anspruch, diese Durchl\u00e4ssigkeit zu gew\u00e4hrleisten. <strong>Das Versprechen<\/strong>: Das Leistungsprinzip \u2013 also die Belohnung dessen, der in Geld oder in W\u00e4hlerstimmen gemessen am erfolgreichsten agiert \u2013 verhilft zu Reichtum und Einfluss, wenn man mal das durch Erbschaft leistungslos erworbene Verm\u00f6gen au\u00dfer Acht l\u00e4sst. <strong>Die Drohung<\/strong>: wer seiner Stellung und Position nicht gewachsen ist, muss absteigen. <strong>Die Hoffnung:<\/strong> wer unverschuldet in Not ger\u00e4t, den unterst\u00fctzt der Sozialstaat.<\/p>\n<p>Ungerechtigkeit, Willk\u00fcr, Gewalt und unsere Angst davor haben also viel mit der Frage zu tun, wie wir mit Hierarchie umgehen und ob es uns gelingt, deren Eigendynamik \u2013 den Machtmissbrauch der Eliten &#8211; zu verhindern. So lange wir <strong>in Hierarchien befangen<\/strong> sind, in denen ungerechtfertigte, im Hintergrund still wirkende Machtpositionen und Privilegien gesellschaftlich akzeptiert und geduldet sind, so lange werden wir mit einer <strong>Wirtschaftsordnung<\/strong> leben m\u00fcssen, die Sozialdarwinismus, soziale Unsicherheit und das Auseinanderdriften von Arm und Reich beg\u00fcnstigt.\u00a0\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles Elend dieser Welt l\u00e4sst sich mit drei Begriffen erkl\u00e4ren: Zugeh\u00f6rigkeit, Angst und Hierarchie. Mit Elend meine ich Krieg, Hungersnot und bittere Armut, Umweltzerst\u00f6rung, Diskriminierung, Diktatur, krasse Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Kluft zwischen Arm und Reich, Raub, Hass, Vertreibung, Terrorismus, Nationalismus, Rassismus. 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