{"id":804,"date":"2015-09-14T11:00:04","date_gmt":"2015-09-14T11:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=804"},"modified":"2015-12-26T21:58:38","modified_gmt":"2015-12-26T21:58:38","slug":"23-das-sandkorn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=804","title":{"rendered":"23.- Das Sandkorn"},"content":{"rendered":"<p>In Momenten der Klarheit sehe ich mich als Sandkorn. Von Wellen auf irgendeinen Strand gesp\u00fclt \u2013 zwischen Milliarden anderer Sandk\u00f6rner liegend. Dann denke ich: das kluge Sandkorn begn\u00fcgt sich mit seiner blo\u00dfen Existenz und freut sich an ihr. Das kann es, solange es nicht unter einen Haufen Schei\u00dfe oder unter die R\u00e4der ger\u00e4t. Damit meine ich, dass die Freude am Leben auch einen Preis verlangt, n\u00e4mlich \u201eSelbstverteidigung\u201c : kein Sandkorn will abh\u00e4ngig sein von irgendwelchen anderen Sandk\u00f6rnern, die ihm das Leben sauer machen k\u00f6nnen. Wir m\u00f6chten unabh\u00e4ngig sein von materieller und sonstiger Hilfe. Dieses Ziel verlangt lebenslange Anstrengung und Wachsamkeit.<\/p>\n<p><strong>Viele Sandk\u00f6rner sind jedoch nicht klug<\/strong>. Sie wollen nicht nur unabh\u00e4ngig existieren, sondern \u2013 und hier beginnt das absurde Theater unseres Lebens \u2013 sie wollen auch irgendeine Rolle spielen. Sie sind sich, wie das kluge Sandkorn, nicht nur ihrer individuellen und unverwechselbaren Gestalt bewusst, sondern betrachten sich als besonders individuell und besonders unverwechselbar. Diesen besonderen Mehrwert wollen sie zur Geltung bringen. Individualit\u00e4t und Unverwechselbarkeit m\u00fcssen daher inszeniert werden \u2013 und wenn diese Inszenierung gut genug funktioniert, wird sie belohnt, indem der Rollenspieler von den vielen anderen unklugen Sandk\u00f6rner bewundert wird. <strong>Die besten Rollenspieler erzielen auf dem Markt der Eitelkeiten den h\u00f6chsten Marktwert.<\/strong><\/p>\n<p>Die unklugen Sandk\u00f6rner wollen mit ihrem Rollenspiel sich selbst und anderen Sandk\u00f6rnern beweisen, dass sie nicht nur ein einfaches, sondern ein besonderes Sandkorn sind, vielleicht sogar ein auff\u00e4lliger und von allen bewunderter Sandstein. Warum wollen sie das? Warum haben sie das n\u00f6tig? Weil sie unzufrieden sind mit sich in ihrer blo\u00dfen Existenz. Sie denken, sie sind nichts wert. Sie meinen, ihrem Wert nachhelfen zu m\u00fcssen. <strong>Wer meint, nichts wert zu sein, inszeniert ein Ich, an das er selbst glauben kann und das auch seine Mitmenschen \u00fcberzeugt.<\/strong> Er will mehr scheinen als das, was er zu sein meint. Das ist ein trauriger Befund.<\/p>\n<p>Das <strong>kluge<\/strong> Sandkorn kann absch\u00e4tzen, wie viel es besitzt, ob es verl\u00e4ssliche Freunde hat, was es gern und was es ungern tut. Und es wird dann, wenn seinem Wohlergehen etwas im Wege steht, versuchen, so gut es geht dieses Hindernis wegzur\u00e4umen oder zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Das <strong>unkluge<\/strong> Sandkorn dagegen begn\u00fcgt sich nicht mit dem Erkennen und Verbessern seiner Situation, sondern <strong>beginnt zu vergleichen<\/strong>. Und damit steigt es ein in das absurde Theater. Wie ich aufgezeigt habe, ist dessen <strong>Motor eine tiefe seelische Not<\/strong>. Wir meinen, uns mit anderen Menschen vergleichen zu m\u00fcssen, weil wir nur so unseren Wert erkennen k\u00f6nnen. <strong>Wir definieren uns \u00fcber Besitzt, Einfluss, Beliebtheit, Konsum<\/strong> \u2013 haben wir davon mehr oder weniger als unsere Mitmenschen? Werden wir von den anderen unklugen Sandk\u00f6rnern anerkannt, vielleicht sogar bewundert? Und damit begeben wir uns in eine Abh\u00e4ngigkeit von Kr\u00e4ften, die wir nicht mehr beherrschen k\u00f6nnen. <strong>Sie beherrschen vielmehr uns.<\/strong><\/p>\n<p>Die Unterschiede sind nicht wichtig. Aber wir nehmen sie wichtig. Wir bespiegeln uns im Auge anderer Menschen. Was denkt er\/sie von mir? Wir bilden uns ein, dass uns ein Mensch sch\u00e4tzt, weil wir uns nach den von ihm und uns geteilten Ma\u00dfst\u00e4ben \u201erichtig\u201c verhalten. Aber <strong>diese Ma\u00dfst\u00e4be sind solche des Wettbewerbs<\/strong>. Sie machen uns zu Abh\u00e4ngigen von den Urteilen anderer. Wenn wir uns als unkluges unter unklugen Sandk\u00f6rnern bewegen, dann m\u00fcssen wir immer damit rechnen, abgewertet zu werden. Denn andere Sandk\u00f6rner wollen sich im Vergleich mit uns aufwerten. Das geh\u00f6rt zum absurden Spiel. Wir setzen uns also einem v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssigen Dauerstress aus.<\/p>\n<p>Wenn wir unseren Eigenwert als Sandkorn nicht allein in unserer Existenz sehen, also unabh\u00e4ngig von der willk\u00fcrlichen Bewertung durch andere Sandk\u00f6rner, dann begeben wir uns auf einen<strong> Markt, auf dem wir als Ware gehandelt werden<\/strong>. Unser Wert liegt dann nur noch in den Augen anderer. Und das bedeutet: wir m\u00fcssen sein, wie sie es von uns erwarten.<\/p>\n<p><strong>Im Extremfall wollen wir sogar ber\u00fchmt werden<\/strong>. Wem das gelingt, der ist endg\u00fcltig in die Falle des absurden Theaters getappt. Der wird fast zwangsl\u00e4ufig s\u00fcchtig nach Anerkennung durch eine anonyme Masse unkluger Sandk\u00f6rner, die nach Laune ihren Daumen nach oben oder untern strecken. Wohl dem, der nicht ber\u00fchmt werden will &#8211; auch nicht ist wie der Fuchs, der sagt: \u201edie Trauben sind mir zu sauer!\u201c, nachdem er gemerkt hat, dass f\u00fcr ihn die begehrten Trauben zu hoch h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Relativierende Schlussbemerkung: mein Gedankengang bewegt sich in einer Schwarz-Wei\u00df-Schablone (klug-unklug). Nat\u00fcrlich ist das Leben ganz anders \u2013 n\u00e4mlich grau mit vielen Zwischent\u00f6nen. Mal verhalten wir uns klug, mal unklug. Wir k\u00f6nnen nicht leben, ohne uns auch an den Erwartungen anderer Menschen zu orientieren. Die Betonung liegt auf \u201eauch\u201c. Bekanntlich kommt es darauf an, Extreme zu vermeiden.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Momenten der Klarheit sehe ich mich als Sandkorn. Von Wellen auf irgendeinen Strand gesp\u00fclt \u2013 zwischen Milliarden anderer Sandk\u00f6rner liegend. Dann denke ich: das kluge Sandkorn begn\u00fcgt sich mit seiner blo\u00dfen Existenz und freut sich an ihr. 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