{"id":795,"date":"2015-08-30T11:54:06","date_gmt":"2015-08-30T11:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=795"},"modified":"2015-12-26T21:55:57","modified_gmt":"2015-12-26T21:55:57","slug":"ueber-das-missverstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=795","title":{"rendered":"22. \u00dcber Missverstehen"},"content":{"rendered":"<p>Warum reden wir so oft aneinander vorbei? Warum funktioniert trotz unterschiedlicher Wortverst\u00e4ndnisse die Alltagskommunikation? Was bleibt unerw\u00e4hnt? Was hat die Praxis des Sprechens mit dem Urteilsverm\u00f6gen zu tun?<\/p>\n<p><strong>Worte sind nicht eindeutig<\/strong><\/p>\n<p>Was wir von der Welt wissen und verstehen \u2013 von uns selbst und unseren Mitmenschen, von den Vorg\u00e4ngen in der Gesellschaft und in der Natur \u2013 ist von Individuum zu Individuum h\u00f6chst unterschiedlich. Jeder von uns sieht und versteht nur einen winzigen Bruchteil \u2013 und welcher das ist, h\u00e4ngt von zahlreichen Umst\u00e4nden ab: was wir selbst erlebt und beobachtet haben, was uns Eltern und Lehrer sagten und vorlebten, was wir B\u00fcchern und anderen Medien entnommen haben, was uns ber\u00fchrt hat und was in unserem Ged\u00e4chtnis kaum Spuren hinterlassen hat \u2013 kurz: wie wir die auf uns einst\u00fcrmenden Informationen aufgenommen, ausgesiebt, gedeutet und eingeordnet haben.<\/p>\n<p>Jeder von uns bastelt sich aus den Bruchst\u00fccken seiner Wahrnehmung von Wirklichkeit sein eigenes Weltbild zusammen \u2013 und \u00fcber unsere Sprache k\u00f6nnen wir uns untereinander dar\u00fcber verst\u00e4ndigen. Wir haben Worte gelernt und assoziieren sie mit bestimmten Teilen der beschreibbaren Wirklichkeit, f\u00fcr die diese Worte (Bezeichnungen) stehen. <strong>Wenn wir die Wirklichkeit individuell unterschiedlich wahrnehmen, dann haben auch die Worte, die f\u00fcr die einzelnen Teile dieser Wirklichkeit stehen, eine individuelle Einf\u00e4rbung.<\/strong> Die Bedeutung eines bestimmten Wortes ist f\u00fcr uns so verschiedenen Menschen nicht einheitlich.<\/p>\n<p><strong>Differenz zwischen Gesagtem und Gemeintem<\/strong><\/p>\n<p>Wegen dieser unterschiedlichen Einf\u00e4rbung des Wortverst\u00e4ndnisses wundere ich mich, dass wir Menschen nicht st\u00e4ndig aneinander vorbeireden. Meist haben wir das Gef\u00fchl, den anderen Menschen verstanden zu haben. Oft wissen wir allerdings in der konkreten Gespr\u00e4chssituation nicht, ob und wie sehr wir aneinander vorbeireden. Vielleicht klammern wir uns nur an die Illusion, verstanden zu haben und verstanden worden zu sein. Muss sich nicht bei jedem Satz, den wir aussprechen, im Kopf des Gegen\u00fcbers ein Verst\u00e4ndnis dieses Satzes bilden, das sich von dem unterscheidet, was wir mit diesem Satz sagen wollen? Mir geht es hier nicht um das mehr oder weniger ausgepr\u00e4gte Geschick im Umgang mit Sprache, sondern um den individuell unterschiedlichen Bedeutungsgehalt von Worten.<\/p>\n<p>Unsere Worte und S\u00e4tze sind Hilfsmittel, um uns gegenseitig mitteilen zu k\u00f6nnen, was wir denken. Als Kinder lernen wir die Worte unserer Sprache, lernen vom Zuh\u00f6ren, f\u00fcr was die Worte stehen. Aber, wie gesagt, jeder Mensch hat andere Eltern, andere Lehrer, andere Erlebnisse gehabt, aus denen er gesch\u00f6pft hat, als er f\u00fcr sich herausfand, mit welchen Worten er was beschreiben kann.<\/p>\n<p>Die Worte, die uns zur Verf\u00fcgung stehen, k\u00f6nnen also nicht eindeutig sein, weil sich unser Verst\u00e4ndnis von dem, was Worte bedeuten, von Person zu Person unterscheidet. Worte und S\u00e4tze sind also vieldeutig. Es geht mir um die Differenz zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Ich fasse diesen Gedanken in ein Bild: Wenn ich mit jemandem rede, ist ein Satz wie ein Gef\u00e4\u00df, das ich mit einem bestimmten Inhalt f\u00fclle und der anderen Person \u00fcberreiche. Die Person nimmt das Gef\u00e4\u00df, schaut hinein &#8211; und was sie sieht, ist nicht ganz das, was ich hineingetan habe. Was ich mit meiner blau get\u00f6nten Brille als Inhalt des Gef\u00e4\u00dfes sehe, sieht die Person mit der gr\u00fcn get\u00f6nten Brille eben teilweise anders. Daraus folgere ich: <strong>nicht das Verstehen, sondern das Missverstehen ist der Normalfall.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Beispiele f\u00fcr unterschiedliches Wortverst\u00e4ndnis<\/strong><\/p>\n<p>Was ich mit dem unterschiedlichen Wortverst\u00e4ndnis meine, will ich mit Beispielen erl\u00e4utern. Nehmen wir das Wort \u201eWohnung\u201c. Jeder von uns verkn\u00fcpft mit diesem Wort andere Assoziationen \u2013 je nach Erfahrungshintergrund. Der eine assoziiert mit Wohnung Ordnung und Sauberkeit, der andere denkt dabei an eine unordentliche Studentenbude. F\u00fcr den einen bedeutet Wohnung ein gesch\u00fctzter Raum, in den er sich aus der umtriebigen Welt zur\u00fcckziehen kann, f\u00fcr den anderen ist die Wohnung der Mittelpunkt des Familienlebens und ein Raum der Begegnung mit G\u00e4sten. Der eine denkt bei diesem Wort an einen repr\u00e4sentativen Wohnraum als Statussymbol, der andere an einen unkontrollierten Ort, wo er machen kann was er will und niemandem Rechenschaft abzulegen braucht.<\/p>\n<p>Dieses Beispiel zeigt, dass sogar ein Wort der Alltagssprache (hier \u201eWohnung\u201c) mit verschiedenen Assoziationen (Inhalten, Bedeutungen) verkn\u00fcpft ist und entsprechend unterschiedliche Einf\u00e4rbungen hat, wenn dar\u00fcber gesprochen wird. Diese Unterschiede sind zun\u00e4chst unsichtbar, bleiben unerw\u00e4hnt, weil davon abstrahiert wird. Das Wort allein sagt also wenig. Es muss, um verstanden zu werden, in einen Zusammenhang gestellt werden, aus dem hervorgeht, wie das Wort in der konkreten Gespr\u00e4chssituation gemeint ist.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch auch Worte, die wesentlich schwieriger zu verstehen sind als in diesem einfachen Beispiel. Ich meine <strong>komplexe Worte, bei deren Nennung ganze Weltbilder mitschwingen.<\/strong> Ich denke zum Beispiel an Worte wie Liebe, Wahrheit, Glaube, Gl\u00fcck, Ordnung, Ehre, Sicherheit, Freiheit, Aufkl\u00e4rung, Demokratie, Macht, Selbstbestimmung, Wachstum, Fortschritt, Wohlstand. Wenn diese Worte fallen, versteht zun\u00e4chst einmal jeder darunter etwas anderes \u2013 und es hilft beim Gedankenaustausch wenig, wenn sich alle Gespr\u00e4chsteilnehmer an die im Duden stehenden Definitionen und Erl\u00e4uterungen halten. Bei diesen komplexen Worten ist es \u00e4u\u00dferst schwer f\u00fcr den Sprechenden, deutlich zu machen, von welchem Bedeutungsgehalt er ausgeht, wenn er das Wort in einem Gespr\u00e4ch oder einer Debatte verwendet. Wenn ein komplexes Wort ausgesprochen wird, dann m\u00fcsste vom Sprecher eigentlich erst einmal erl\u00e4utert werden, wie er dieses Wort versteht. Aber das tun wir ja nicht. Da wir meist darauf verzichten, auf die Unterschiedlichkeit im Verst\u00e4ndnis solcher komplexer Worte n\u00e4her einzugehen, sind Missverst\u00e4ndnisse vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich <strong>anders in weltanschaulich homogenen Gruppen<\/strong>, wo f\u00fcr all diese komplexen Worte (oder f\u00fcr einige davon) ganz bestimmte Bedeutungen feststehen. Hier gibt es deutlich weniger Anl\u00e4sse f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse. Diese kommen erst auf, wenn jemand mit Menschen kommuniziert, die sich au\u00dferhalb der eigenen ideologisch relativ abgeschlossenen Gemeinschaft befinden. \u00dcbrigens: wenn von &#8222;Wertewandel&#8220; die Rede ist, dann ist damit gemeint, dass sich bei einem gro\u00dfen Anteil der Bev\u00f6lkerung die Inhalte komplexer Worte ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Beispiele zeigen die vielen Risiken, aneinander vorbei zu reden. In der Alltagskommunikation ist es f\u00fcr das gegenseitige Verstehen hilfreich, wenn vom Gespr\u00e4chspartner verbale \u00c4u\u00dferungen gleichzeitig <strong>mit nonverbalen \u201eNebenbotschaften\u201c<\/strong> wahrgenommen werden: Gesten und Mienen des Sprechenden und die Stimmung beim Sprechen (leise oder laut, aufgeregt, ruhig, fordernd, sp\u00f6ttisch, abgekl\u00e4rt gelassen\u2026).<\/p>\n<p><strong>Bei geschriebenen Worten und S\u00e4tzen<\/strong> sind nonverbale Botschaften bekanntlich nicht m\u00f6glich (abgesehen von erg\u00e4nzenden Bebilderungen). Daher behilft man sich hier mit Umschreibungen und Erl\u00e4uterungen: <strong>Worte und S\u00e4tze m\u00fcssen in relativ ausf\u00fchrliche Texte eingebunden werden, um das Gemeinte deutlich zu machen.<\/strong> Erst einem Text, der einen Gedanken voll entfaltet, k\u00f6nnen wir entnehmen, was die Person tats\u00e4chlich gemeint hat, als sie ihre Worte und S\u00e4tze aneinanderreihte in der Absicht, ihren komplexen Gedanken f\u00fcr andere Menschen nachvollziehbar zu machen.<\/p>\n<p><strong>Rein verbale \u00c4u\u00dferungen k\u00f6nnen erst dann richtig verstanden werden, wenn sie in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang eingeordnet werden k\u00f6nnen,<\/strong> in den der Sprechende oder Schreibende sie verortet hat. Worte und S\u00e4tze f\u00fchren ihr Eigenleben in dem einen gr\u00f6\u00dferen (verbal artikulierten) Sinnzusammenhang \u2013 vergleichbar einem Gedankengeb\u00e4ude, in dem die einzelnen Teile ihren Sinn aus ihrer Funktion f\u00fcr das Ganze gewinnen. Die Bedeutung eines Brettes wird erst deutlich, wenn man wei\u00df, an welcher Stelle genau es eingebaut ist: in welchem \u201efunktionalen Zusammenhang\u201c es steht.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Zusammenhang gerissene Worte und S\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Eine miese Methode, einem Menschen zu schaden, besteht darin, von ihm formulierte Worte beim Zitieren aus dem Zusammenhang zu rei\u00dfen und gegen ihren Urheber zu verwenden. <strong>Dem Schreibenden oder Redner werden Gedanken unterstellt, die er so nicht gemeint hat.<\/strong> Sie sind absichtlich falsch (also b\u00f6swillig) in seine Aussagen hineininterpretiert worden. Das ist gef\u00e4hrlich. Denn wer macht sich schon die M\u00fche, den gesamten Text sorgf\u00e4ltig zu lesen, um zu erkennen, ob es sich um eine falsche Unterstellung handelt? In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung bleibt der erhobene Vorwurf am Opfer der Verleumdung kleben wie der Kaugummi am Schuh. Nur selten kann sich der falsch Beschuldigte gegen die falschen Zitate wirkungsvoll wehren.<\/p>\n<p>Im politischen Meinungskampf ist es f\u00fcr Kontrahenten sehr verf\u00fchrerisch, Worten und S\u00e4tzen des Gegners falsche Bedeutungen zu unterstellen \u2013 in der Absicht, dessen Argumentation zu schw\u00e4chen oder ihn sogar als Person herabzusetzen im Bestreben, den eigenen Standpunkt \u00fcberlegen erscheinen lassen. Das vergiftet das politische Klima \u2013 im Unterschied zu politischen Fehlentscheidungen, die einger\u00e4umt und zur\u00fcckgenommen werden. Demokratien sind darauf angewiesen, dass die gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten in der \u00d6ffentlichkeit ihre Glaubw\u00fcrdigkeit behalten. Wer sie ihnen ohne belegbaren Grund \u2013 oft nur auf Verdacht \u2013 abspricht, der geh\u00f6rt zu den Totengr\u00e4bern der Demokratie.<\/p>\n<p>Da gesprochene S\u00e4tze in ihrer Unmittelbarkeit mehr Eindruck machen als geschriebene S\u00e4tze (die zudem nur von wenigen gelesen werden), erleben wir immer wieder, dass in der politischen und sonstigen intellektuellen Auseinandersetzung nicht das bessere Argument wahrgenommen wird. Stattdessen erzielt die bessere Rhetorik mit \u201egeschickten\u201c Unterstellungen die meiste Aufmerksamkeit und Wirkung.<\/p>\n<p><strong>Werbespr\u00fcche und Parolen<\/strong><\/p>\n<p>In der Werbung und bei politischen Parolen stehen Worte und S\u00e4tze ziemlich allein, werden also ganz bewusst aus den Sinnzusammenh\u00e4ngen herausgel\u00f6st, die einzelne Worte und S\u00e4tze verstehbar machen w\u00fcrden. Ohne Zusammenhang sind solche Worte kaum aussagekr\u00e4ftig, weil sie einen Interpretationsspielraum lassen, der beliebig ausf\u00fcllbar ist. Parolen und Werbungspr\u00fcche werden gerade deshalb verwendet.<\/p>\n<p>Warum gerade deshalb? Weil ihre Sch\u00f6pfer mit ihnen keine gedanklichen Inhalte transportieren wollen, sie wollen auch nicht argumentieren, sondern sie wollen bestimmte Assoziationen wecken. Schlagworte und Parolen senden ein Signal aus f\u00fcr Leute, die diese Worte \u201erichtig\u201c aufnehmen \u2013 also wie beabsichtigt: indem die Konsumenten den gebotenen Interpretationsspielraum mit den von den Urhebern der Spr\u00fcche beabsichtigten Inhalten f\u00fcllen. Parolen und Werbespr\u00fcche brauchen keinen Zusammenhang, weil sie als solche nicht \u201everstanden\u201c werden sollen. <strong>Das Ansprechen des Verstandes wird bewusst vermieden &#8211; man zielt auf das \u201eBauchgef\u00fchl\u201c, auf Sehns\u00fcchte, auch auf uneingestandene Bed\u00fcrfnisse.<\/strong> Am Verstand vorbei sollen die Zielpersonen erreicht werden: mit bestimmten Worten, Bildern und Farben, die entweder positive Gef\u00fchle und Assoziationen hervorrufen \u2013 Gl\u00fcck, Gesundheit, heile Welt, Wohlergehen \u2013 oder negative Vorstellungen aktivieren \u2013 Abschreckendes, S\u00fcndenb\u00f6cke, Feindbilder. Beide Strategien vereinfachen bewusst. Parolen und Werbespr\u00fcchesie sollen Vorurteile und Gef\u00fchle bedienen, deren rationale Durchleuchtung unerw\u00fcnscht ist.<\/p>\n<p><strong>Gedanken und Gef\u00fchle<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur \u201enormalen\u201c Kommunikation zwischen Menschen, die sich dabei in die Augen schauen. In der Kommunikation trifft das Weltbild des einen Sprechenden auf das Weltbild des anderen. Der Austausch der Gedanken kann nur \u00fcber Dinge und Geschehnisse erfolgen, die sich in Worte und S\u00e4tze kleiden lassen. Es bleiben also alle Aspekte der Wirklichkeit \u2013 Gef\u00fchle, Ahnungen, widerspr\u00fcchliche Empfindungen &#8211; ausgeklammert, f\u00fcr die es keine Worte gibt. Gedanken sind Produkte des Verstandes. Und Worte sind ge\u00e4u\u00dferte Gedanken. Es ist kaum m\u00f6glich, Gef\u00fchle so zu kommunizieren, dass sie verstanden werden. Gedanken sind wenig geeignete \u201eGef\u00e4\u00dfe\u201c zur Beschreibung von Gef\u00fchlen, f\u00fcr die es keine eindeutigen (nur mehrdeutige) Worte gibt.<\/p>\n<p><strong>Wer es versucht, seine Gef\u00fchle einem anderen Menschen mitzuteilen, setzt sich leicht dem (meist berechtigten) Vorwurf aus, er zerrede das, worum es gehe.<\/strong> F\u00fcr hundert reale Gef\u00fchle gibt es gesch\u00e4tzt nur f\u00fcnf Worte. Daher lassen sich Gef\u00fchle nicht exakt benennen \u2013 und wenn, dann nur um den Preis uns\u00e4glicher Pauschalisierung. Sie lassen sich verbal allenfalls andeuten und umschreiben. Benennen lassen sich nur die Anl\u00e4sse und Ursachen von Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferungen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich <strong>nicht<\/strong> n\u00e4her auf das Hauptproblem in der allt\u00e4glichen Kommunikation eingehen: auf die mangelnde Wahnehmung der Gef\u00fchle, die sich hinter verbalen und nonverbalen \u00c4u\u00dferungen verbergen &#8211; was dazu f\u00fchrt, dass sich Partner, Freunde, Nachbarn und vertreter verschiedener Generationen missverstehen. <strong>Gef\u00fchle m\u00fcssen nicht in Worte gefasst werden, um wahrgenommen zu werden.<\/strong><\/p>\n<p>Schriftsteller und Dichter sind Meister in der Kunst, f\u00fcr die gef\u00fchlten Dimensionen der Wirklichkeit geeignete Worte zu finden. Zumindest haben Menschen bei der Lekt\u00fcre literarischer Werke die Ahnung, dass mit diesen Worten etwas angesprochen wird, was sie zwar kennen, wof\u00fcr sie jedoch keine Sprache gefunden haben.<\/p>\n<p>Gedanken sind, bevor ich sie anderen mitteile, Worte und S\u00e4tze, die ich an mich selber richte. Mit Gedanken \u2013 mit meinem Verstand \u2013 kann ich also nur solche Aspekte der Wirklichkeit erfassen (mir bewusst machen), die sich in Worten ausdr\u00fccken lassen. Je mehr ich von der Wirklichkeit bewusst wahrnehmen kann, desto mehr Worte ben\u00f6tige ich, um die mir zug\u00e4ngliche Wirklichkeit zu beschreiben. Deshalb hat jede wissenschaftliche Disziplin ihren eigenen Wortschatz, der die nicht-fachliche Alltagssprache erg\u00e4nzt. Und in die Alltagssprache mischen sich Fremdworte. Je komplexer unser Wissen, desto komplexer die Sprache, in der dieses Wissen gespeichert und vermittelt werden kann.<\/p>\n<p><strong>Die abgeschliffene Alltagssprache<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur allt\u00e4glichen Unterhaltung, die wir Normalmenschen miteinander f\u00fchren. In diesem Fall gibt es kaum Missverstehen.<strong> Die verwendeten Worte werden meist vom Gespr\u00e4chspartner so verstanden, wie sie gemeint sind. Warum?<\/strong> Der f\u00fcr solche Gespr\u00e4che notwendige Wortschatz ist relativ begrenzt \u2013 wie ja auch die sich st\u00e4ndig wiederholenden Erfahrungen des Alltags begrenzt sind. <strong>Die in der Alltagssprache verwendeten Worte haben ihren individuellen Bedeutungsgehalt verloren.<\/strong> Eine bestimmte Bedeutung f\u00fcr jedes Wort und f\u00fcr die (einfachen) Wortkombinationen hat sich durchgesetzt. Das ist vergleichbar mit der schon erw\u00e4hnten weltanschaulich homogenen Gruppe mit einheitlichem Wortverst\u00e4ndnis. Worte, die fr\u00fcher vielleicht noch vieldeutig (und daher missverst\u00e4ndlich) waren, wurden abgeschliffen wie Kieselsteine. Die Gedanken sind \u201erund\u201c geworden, haben keine Ecken mehr. Wir verstehen im allt\u00e4glichen Umgang miteinander unsere Mitmenschen, weil unsere Alltagssprache einfach strukturiert ist. <strong>Die h\u00e4ufig verwendeten Worte, S\u00e4tze und Satzkombinationen sind auf pragmatische Anspr\u00fcche zugeschnitten.<\/strong> Da gibt es relativ wenig Raum f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse, die aus unterschiedlich gemeinten Wortinhalten resultieren.<\/p>\n<p>Meine These: in der Alltagskommunikation werden nur \u201egrobe\u201c, plakative, einfache Informationen und Gedanken ausgetauscht, bei denen m\u00f6gliche Unterschiedlichkeiten des Wortverst\u00e4ndnisses nicht erkennbar sind, weil die <strong>Worte und S\u00e4tze \u201ezurechtgehobelt\u201c<\/strong> sind. Der allt\u00e4gliche \u201egrobk\u00f6rnige\u201c Gedankenaustausch bedient sich also nur eindeutiger Worte. Unterschiede im Wortverst\u00e4ndnis konnten sich bei h\u00e4ufigem Gebrauch der entsprechenden Worte nicht halten, weil sie zur \u00dcberwindung von Missverst\u00e4ndnissen zu viel Aufwand erforderten.<\/p>\n<p>Ich sehe folgende Gefahr: Wenn uns in der allt\u00e4glichen Kommunikation nicht mehr bewusst ist, dass unsere gebr\u00e4uchliche Sprache stark vereinfacht ist, dann geraten die individuellen Differenzen in der Wahrnehmung von Wirklichkeit (die Feinheiten) aus dem Blickfeld. <strong>Dann schwindet die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Auseinanderklaffen von Wort und Bedeutung, von Gesprochenem und Gemeintem.<\/strong> <strong>Und damit schwindet zugleich unsere Wahrnehmung des Gespr\u00e4chspartners als einem Menschen mit eigenem Weltbild.<\/strong> Wir neigen dann zu Monologen und zur Besserwisserei. Wir verabsolutieren unser eigenes Weltbild, stellen es nicht mehr zur Diskussion. Wir bilden uns in einer Gespr\u00e4chsrunde ein, dass wir alle \u00e4hnlich denken, weil wir uns nur noch mit Worten verst\u00e4ndigen, die keine m\u00f6glichen Differenzen mehr vermuten lassen.<\/p>\n<p>Und wenn wir die Alltagssprache \u00fcbersteigen und anspruchsvolle Themen besprechen? Dann sehe ich die Gefahr: <strong>Wenn komplexe Worte verwendet werden,<\/strong> <strong>scheuen wir die Diskussion, weil wir die Anstrengung vermeiden wollen, den Unterschieden auf den Grund zu gehen. Denn das Ausr\u00e4umen der vorprogrammierten Missverst\u00e4ndnisse ist m\u00fchsam.<\/strong><\/p>\n<p>Dann bleibt als Inhalt eines m\u00f6glichen Gedankenaustauschs nur noch das \u00fcbrig, was sich in der Alltagssprache ohne M\u00fche ausdr\u00fccken l\u00e4sst. In diesem Fall nimmt der Sprechende das, was er sagt, nicht mehr als einen Gedanken wahr, der bewusst holzschnittartig vereinfacht formuliert ist, sondern er passt sich in seinem Denken und F\u00fchlen der Sprache an. Er denkt und empfindet nur noch das, was er in einfachen Worten ausdr\u00fccken kann. Dabei geht viel verloren \u2013 Momente der Wirklichkeit in ihrer individuellen Auspr\u00e4gung. Der Inhalt passt sich an das Gef\u00e4\u00df an. Alles, was sich nicht verbalisieren l\u00e4sst, wird als nicht vorhanden oder nicht erw\u00e4hnenswert betrachtet. \u00dcbrig bleibt nur das vom Verstand sofort Begreifbare, das in sehr einfacher Sprache formuliert werden kann.<\/p>\n<p><strong>Die Vereinfachung untergr\u00e4bt eigenst\u00e4ndiges Urteilen<\/strong><\/p>\n<p>Liegt in dieser Anpassung des Denkens an das leicht Sagbare vielleicht der tiefere Grund f\u00fcr angepasstes Denken und f\u00fcr den Verzicht auf eigenst\u00e4ndiges Urteilen? Wenn das so ist, dann folgt der Anpassung an die Alltagssprache die Anpassung an die vorherrschende Meinung. Die Gleichf\u00f6rmigkeit des Denkens ist dort am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt, wo man \u201eunter sich\u201c bleibt, also dem Kontakt und der Debatte mit Andersdenkenden aus dem Wege geht. Man m\u00fcsste ja gewohnte Worte und S\u00e4tze neu \u00fcberdenken \u2013 und m\u00fcsste respektieren, dass sie sehr oft von Person zu Person mit unterschiedlichen Bedeutungen verbunden sind.<\/p>\n<p><strong>Bei der vereinfachten Beschreibung der Wirklichkeit fallen alle Differenzierungen unter den Tisch, die das Besondere eines individuellen Weltbildes ausmachen<\/strong>: gef\u00fchlte und geahnte Momente der Wirklichkeit, die sich nur ansprechen lassen, wenn ein relativ hoher Aufwand f\u00fcr das Denken und Formulieren nicht gescheut wird. Wer keine anspruchsvollen Texte mehr liest, muss damit rechnen, dass ihm seine individuelle Wahrnehmung der Wirklichkeit und sein eigenst\u00e4ndiges Urteilsverm\u00f6gen abhanden kommen.<\/p>\n<p><strong>Vereinfachtes Denken und Kommunizieren<\/strong> hei\u00dft: nicht wahrnehmen und nicht ber\u00fccksichtigen, dass Worte und S\u00e4tze <strong>erstens<\/strong> hoch missverst\u00e4ndlich sind (wegen der unterschiedlichen Bedeutungsgehalte), und <strong>zweitens<\/strong> nur Gedanken ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, die nur die Teile der Wirklichkeit erfassen, die \u00fcber den Verstand begreifbar sind und daher alle dar\u00fcber hinausgehenden Empfindungen vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>Vor allem sind es die Au\u00dfenseiter, die Schriftsteller, die Sonderlinge, die sich der doppelten Anpassung widersetzen und der Sprache ein gesundes Misstrauen entgegenbringen. Sie k\u00e4mpfen mit der Sprache \u2013 und sto\u00dfen auch dann, wenn sie \u00fcberdurchschnittlich geschickt mit ihr umgehen k\u00f6nnen, immer wieder an deren Grenzen. Diese Leute bleiben bei ihrer individuellen Wahrnehmung und leugnen sie auch dann nicht, wenn sie sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst. Der manchmal <strong>un\u00fcberbr\u00fcckbare Abstand zum Sagbaren<\/strong> wird akzeptiert.<\/p>\n<p>Wer sich dessen bewusst ist, dass sich Teile seines Weltbildes nicht oder nur mit Abstrichen sprachlich fassen lassen, <strong>der misstraut den Worten, weil er ihre T\u00fccken kennt<\/strong>. Er wird zwar mit seiner Sprache aufmerksam umgehen, um sich einigerma\u00dfen verst\u00e4ndlich zu machen und Missverst\u00e4ndnisse so weit m\u00f6glich zu vermeiden, <strong>wird jedoch nicht dem Irrtum verfallen, das Gesagte und das Gemeinte gleichzusetzen<\/strong>. <strong>Er wird also im Gespr\u00e4ch jeweils nach dem Gemeinten suchen.<\/strong> Auch wenn diese Suche fehleranf\u00e4llig ist, so kann er auf diese Weise doch den in der Sprache vorprogrammierten Missverst\u00e4ndnissen besser begegnen als jemand, der sich allein auf die Worte verl\u00e4sst.\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum reden wir so oft aneinander vorbei? Warum funktioniert trotz unterschiedlicher Wortverst\u00e4ndnisse die Alltagskommunikation? Was bleibt unerw\u00e4hnt? Was hat die Praxis des Sprechens mit dem Urteilsverm\u00f6gen zu tun? 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