{"id":789,"date":"2015-07-25T11:24:57","date_gmt":"2015-07-25T11:24:57","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=789"},"modified":"2015-12-26T21:53:49","modified_gmt":"2015-12-26T21:53:49","slug":"lob-der-unsicherheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=789","title":{"rendered":"21.- Lob der Unsicherheit"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir unsicher sind, empfinden wir das meist als unangenehm und als Mangel, der uns behindert. Wir wollen lieber mit sicherem Schritt durchs Leben gehen. Wir wollen uns unserer selbst, unserer Ziele und der uns daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel sicher sein. Wir sollten dabei aber die Kehrseite der \u201eMedaille Sicherheit\u201c nicht aus dem Auge verlieren. Eine gute Portion Unsicherheit ist eine positive Eigenschaft. Sie kann uns davor bewahren, uns selbst zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Je mehr wir von uns selbst \u00fcberzeugt sind, desto eher tappen wir in die Falle von Fehleinsch\u00e4tzungen und Fehlurteilen \u2013 ohne zu merken, dass wir falsch liegen. Unser Wissen ist immer begrenzt. Ich kenne Menschen, die sich auf einem bestimmten Gebiet sehr gut auskennen \u2013 und daraus den Schluss ziehen, dass sie auch auf anderen Gebieten den gro\u00dfen Durchblick haben.<\/p>\n<p>Zum Beispiel bei Leuten, die sich stark f\u00fcr Gesundheitsfragen interessieren und sich in dieses Thema eingelesen haben, kann ihr fachliches Selbstbewusstsein dazu f\u00fchren, dass sie ihrem Arzt allzu schnell widersprechen. Dann kommt es zu einem \u201eExpertenstreit\u201c, wobei sich der Laie (Autodidakt) allzu leicht \u00fcbersch\u00e4tzt. Besserwissern kann der Mangel an Unsicherheit schaden. Aber auch \u201eechte\u201c Experten sollten sich eine Portion Unsicherheit bewahren.<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Untersuchungen der Cornell University haben gezeigt: <strong>im Gef\u00fchl ihrer eigenen \u00dcberlegenheit bemerken Experten oft nicht, wie sie sich grandios \u00fcbersch\u00e4tzen und auf ihrem eigenen Wissensgebiet ganz danebenliegen.<\/strong> Sie behaupten erstaunlichen Unfug, wenn sie sich in einem Thema f\u00fcr sattelfest halten. Sie beurteilen die eigenen Schw\u00e4chen und St\u00e4rken falsch. Dar\u00fcber berichtet das Fachblatt Psychological Science (online).<\/p>\n<p>Ein Wissenschaftlerteam hat untersucht, wie die Testpersonen ihre Kenntnisse einsch\u00e4tzen und wie wenig diese oft mit ihrem tats\u00e4chlichen Wissen zu tun haben. Der Psychologe Stav Atir stellt fest: \u201eDas eigene Wissen einzusch\u00e4tzen, ist keineswegs so einfach, wie es uns erscheint. Das gilt vor allem f\u00fcr Menschen, die sich selbst einen hohen Kenntnisstand zuschreiben.\u201c Die Testpersonen wurden in der Versuchsreihe gebeten, ihre Finanzkenntnisse einzusch\u00e4tzen, indem sie Begriffe aus der Welt des Geldes erkl\u00e4ren sollten, zum Beispiel Inflation und Eigenkapital. Es waren allerdings auch erfundene Stichworte darunter wie \u201eannualisierter Kredit\u201c und andere Fantasiebegriffe. Ergebnis: Je sicherer sich die Personen ihrer \u00f6konomischen Kompetenz waren, desto \u00f6fter erkl\u00e4rten sie mit vollem Ernst die erfundenen Begriffe. Dazu Atir: \u201e Je mehr sich die Leute auf ihr Wissen um Finanzen einbildeten, desto eher \u00fcbersch\u00e4tzen sie ihre Kenntnisse und waren mit ausf\u00fchrlichen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die fiktionalen Begriffe zur Hand. Das galt auch f\u00fcr andere Bereiche wie Literatur, Philosophie, Geographie und Biologie.\u201c<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler wollten mit diesem und anderen Versuchen mit gleichem Ergebnis ihre Zeitgenossen nicht blo\u00dfstellen, sondern warnen: Der Hang zur chronischen Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung hindert viele Menschen daran, sich intensiver mit manchen Themen zu besch\u00e4ftigen. Die irrige Wahrnehmung kann zu Fehlentscheidungen mit b\u00f6sen Folgen f\u00fchren zum Beispiel in den Bereichen Geldanlage oder Gesundheit.<\/p>\n<p><strong>Wir sind manchmal weniger durch unsere Unwissenheit als durch unsere Illusion von Wissen bedroht.<\/strong> Und vor dieser Illusion sch\u00fctzt uns nur die Unsicherheit, die wir uns selbst eingestehen. Das ist nicht leicht, denn das Erkennen von Unsicherheit setzt selbstkritisches Urteilsverm\u00f6gen voraus. Leichter ist es, sich mit dem erworbenen Wissen zu begn\u00fcgen und zu meinen, das reiche aus, um sich ein Urteil bilden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel f\u00fcr den Wert von Unsicherheit \u2013 diesmal nicht im Bereich des Wissens, sondern der Gef\u00fchle &#8211; finde ich im Bereich der sozialen Kontakte. Mir ist ein interessanter <strong>Zusammenhang<\/strong> aufgefallen: <strong>zwischen pers\u00f6nlicher Unsicherheit\/ Angst auf der einen Seite und der F\u00e4higkeit, den Gegen\u00fcber aufmerksam wahrzunehmen und auf ihn einzugehen andererseits<\/strong>. Was meine ich genau damit?<\/p>\n<p>Ich unterscheide zwischen relativ angstfreien und relativ sensiblen Menschen.<\/p>\n<p>Ein von sich selbst \u00fcberzeugter Mensch f\u00fcrchtet sich relativ wenig vor den Reaktionen seiner Mitmenschen auf seine Worte. Daher kann er ungewollt leicht andere Menschen verletzen und ver\u00e4rgern. Oft bemerkt er die Reaktionen seines Gegen\u00fcbers \u00fcberhaupt nicht. Er wollte ja auch nicht verletzen, sondern hat nur das ausgesprochen, was er beobachtet und sich gedacht hat. Und falls er doch merkt, dass er seinen Gespr\u00e4chspartner ver\u00e4rgert hat, dann wundert er sich und vermutet, dass dieser eben nur nicht mit einer klar ausgesprochenen Wahrheit umgehen kann. Soll er nicht ehrlich sagen, was er denkt? Soll er l\u00fcgen und heucheln? Der angstfreie Mensch eckt also leicht bei seinen Mitmenschen an. Er gilt als sozial wenig kompetent. Mehr Unsicherheit w\u00fcrde ihm gut tun.<\/p>\n<p>Ein eher \u00e4ngstlicher Mensch f\u00fcrchtet die Reaktionen seiner Mitmenschen. Er nimmt sie sensibel wahr und es schmerzt ihn, wenn auf seine Worte heftig reagiert wird. Daher w\u00e4hlt er seine Worte vorsichtiger. Er wird sich mit klaren kritischen \u00c4u\u00dferungen zur\u00fcckhalten \u2013 und falls er doch eine f\u00fcr den Gespr\u00e4chspartner unerfreuliche Beobachtung anspricht, dann wird er sich h\u00f6flich ausdr\u00fccken, eher unklar, eher umschreibend, damit sich sein Gegen\u00fcber nicht verletzt f\u00fchlt. Nur wer selbst erlebt hat, welche Schmerzen unbedacht gew\u00e4hlte Worte bereiten k\u00f6nnen, wird mit der eigenen Wortwahl vorsichtig umgehen \u2013 nicht nur, weil der die harte Reaktion des Gegen\u00fcber vermeiden will, sondern auch, weil er sich in den anderen Menschen besser einf\u00fchlen kann. Seine Angst\/ Unsicherheit hilft ihm, sich sozial kompetent zu verhalten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich wird soziale Kompetenz auch noch durch andere Eigenschaften und Verhaltensweisen bestimmt, auf die ich hier nicht eingegangen bin.<\/p>\n<p>Zusammenfassend ist festzuhalten: <strong>Unsicherheit macht uns wachsamer<\/strong>, weil sie uns davor sch\u00fctzt, durch ein falsches Gef\u00fchl von Sicherheit tr\u00e4ge und blind f\u00fcr die Wirklichkeit zu werden. <strong>Unsicherheit spornt an, Menschen und Dinge genauer anzuschauen<\/strong>, uns nicht von falscher Selbsteinsch\u00e4tzung blenden zu lassen \u2013 eine Voraussetzung f\u00fcr ein kluges und sozialvertr\u00e4gliches Reden und Verhalten.\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir unsicher sind, empfinden wir das meist als unangenehm und als Mangel, der uns behindert. 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