{"id":775,"date":"2015-06-20T19:10:58","date_gmt":"2015-06-20T19:10:58","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=775"},"modified":"2015-12-26T21:52:45","modified_gmt":"2015-12-26T21:52:45","slug":"20-bin-ich-wirklich-frei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=775","title":{"rendered":"20.- Bin ich wirklich frei?"},"content":{"rendered":"<p>Wir f\u00fchlen uns frei, uns so oder anders zu entscheiden, wenn wir nicht durch die Verh\u00e4ltnisse oder durch eine Person zu irgendetwas gezwungen werden. Aber mir kommen Zweifel, wenn ich n\u00e4her \u00fcber diese \u201eFreiheit\u201c nachdenke. Ich meine also nicht das, was unter politischer Freiheit verstanden wird, sondern die individuelle Freiheit. Wie frei ist mein Wille? Ich stelle die These auf: er ist nicht frei. Die Vorstellung der Freiheit ist eine Illusion, allerdings eine notwendige und hilfreiche.<\/p>\n<p><strong>Ich bin ein Produkt meiner Gene und der Verh\u00e4ltnisse, denen ich ausgesetzt bin.<\/strong> Das ist eine triviale Aussage, allerdings stecken in ihr tief greifende Konsequenzen hinsichtlich meiner Freiheit. Wie das? Meine Gene kann ich relativ wenig beeinflussen. Aber ich kann \u2013 <strong>auf den ersten Blick<\/strong> \u2013 die Verh\u00e4ltnisse beeinflussen. Hier stellt sich jedoch die Frage: woher kommt die Motivation, die Kraft, die Ausdauer und sonstige Eigenschaften in mir, die mich dazu bef\u00e4higen, auf die mich pr\u00e4genden Verh\u00e4ltnisse erfolgreich einzuwirken? Und umgekehrt: wie kommt es, dass ich nicht hinreichend motiviert bin oder nicht die F\u00e4higkeit und Kraft aufbringe, erfolgreich mein Leben so zu gestalten, wie ich es gern h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Wenn ich so frage, dann muss ich &#8211; <strong>auf den zweiten Blick<\/strong> &#8211; leider feststellen: diese Eigenschaften liegen au\u00dferhalb meiner Einflussm\u00f6glichkeiten. Ob ich also ein zupackend-aktiver oder eher ein zaghaft-passiver Typ bin, ob ich clever oder ungeschickt versuche, die Verh\u00e4ltnisse meinen Bed\u00fcrfnissen anzupassen, ob ich bereit und in der Lage bin, aus Erfahrungen zu lernen, ob ich mir die richtigen oder falschen Ziele setze: alles h\u00e4ngt davon ab, wie ich denke und f\u00fchle, welche Intuitionen ich habe und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin?<\/strong> Was hat mein Denken und F\u00fchlen beeinflusst, was meine Intuition und meine Phantasie befl\u00fcgelt oder gehemmt, was hat mir Energie gegeben oder diese Energie blockiert? Vielleicht habe ich einen guten Kontakt zu den richtigen Menschen oder einen unguten Kontakt zu (f\u00fcr mich) falschen Menschen gehabt, die mich gepr\u00e4gt haben. Vielleicht bin ich in materiell gesicherten Verh\u00e4ltnissen oder in bitterer Armut aufgewachsen. Wenn ich unter schlechten Voraussetzungen mein Leben begonnen habe, konnte ich zun\u00e4chst nichts daran \u00e4ndern. Dann aber doch? Wir h\u00f6ren immer wieder, dass auch Menschen, die unter schlimmsten Bedingungen aufgewachsen sind, keineswegs zu Opfern dieser Verh\u00e4ltnisse geworden sind, sondern sich trotz dieser schlechten Startbedingungen sehr gut entwickelt haben und ein \u201egelungenes Leben\u201c (was immer das hei\u00dfen mag) f\u00fchren konnten. Sch\u00f6n und gut \u2013 aber diese Menschen hatten angeborene oder erworbene F\u00e4higkeiten, die ihnen diese Entwicklung erm\u00f6glicht haben. Sie sind Produkt (Ergebnis) dieser Einfl\u00fcsse. <strong>Sie hatten einfach Gl\u00fcck (und die anderen Pech).<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich mich \u201efrei\u201c entschieden habe, dann sind mir nie alle Faktoren bewusst, die in diese Entscheidung eingeflossen sind. <strong>Die Illusion der freien Entscheidung<\/strong> beruht auf der Vorstellung, es sei mein eigener Wille gewesen, der eine Auswahl unter den mir wichtigen Entscheidungsfaktoren getroffen hat. Ob diese Faktoren mir bewusst waren oder unbewusst gewirkt haben: es waren Kr\u00e4fte, auf die ich im Moment meiner Entscheidung einfach nur reagiert habe \u2013 wie eine sehr komplex konstruierte, feinnervige, fl\u00fcssige Maschine mit Millionen Schr\u00e4ubchen. Alle Faktoren sind in Wechselwirkung miteinander verbunden &#8211; ein Einfluss kann alles ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Un\u00fcberschaubarkei der Komplexit\u00e4t legt es uns nat\u00fcrlich nahe, diese Komplexit\u00e4t zu reduzieren. Wenn wir uns einen &#8222;freien Willen&#8220; vorstellen, dann gelingt uns diese Reduktion und wir f\u00fchlen uns wieder wohler. Das Selbstbild einer Maschine w\u00e4re f\u00fcr uns psychisch unertr\u00e4glich. Wir wollen uns als freie Menschen sehen, die aus freiem Willen Entscheidungen treffen und ihr Leben einigerma\u00dfen im Griff haben, keine &#8222;Opfer&#8220; sind. Wir wollen uns nicht wie Plankton im Meer der Einfl\u00fcsse treiben lassen. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg &#8211; und wenn dieser Weg nicht existiert, dann stellen wir ihn uns einfach vor. Und das ist auch gut so, denke ich.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu meiner These von unserer Unfreiheit.<strong> Wenn ich mich<\/strong> in der beschriebenen Weise<strong> als Marionette sehe, als Ergebnis von Einfl\u00fcssen<\/strong>, die ich letztlich nicht beeinflusse kann, die mir einfach \u201egegeben\u201c sind: <strong>was folgt daraus?<\/strong> Ich denke, dieser Gedanke kann zu mehr Gelassenheit f\u00fchren. Ich kann nur beobachten, was ist und wie es ist, kann tun, was meiner Meinung nach getan werden muss, so weit das meine F\u00e4higkeiten und meine Kr\u00e4fte nicht \u00fcbersteigt \u2013 und das alles im Wissen, dass ich mir deshalb noch lange nicht stolz auf die Schultern klopfen kann. Denn wenn ich es geschafft habe, Dinge zum Besseren zu wenden, dann habe ich das meinen Genen und den Verh\u00e4ltnissen zu verdanken. Ich hatte eben Gl\u00fcck, wenn sie zu der Situation gepasst haben, der ich ausgesetzt war.<\/p>\n<p>Die Einsicht, dass es nicht mein Verdienst ist,<strong> wenn es mir gut geht<\/strong>, lehrt mich im besten Fall <strong>Dankbarkeit und Bescheidenheit<\/strong>. Dankbarkeit, weil mir z.B. die Einsicht und die Kraft zugewachsen ist, die mir halfen, die Dinge zum Besseren zu wenden. Bescheidenheit, weil das Schicksal (das Zusammenwirken aller Einfl\u00fcsse) es gut mit mir gemeint hat. Auf mein &#8222;Ich&#8220; kann ich nicht stolz sein, denn es hat nur reagiert. Dieser Gedanke sch\u00fctzt mich vor \u00dcberheblichkeit anderen Menschen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Und <strong>wenn es mir sehr schlecht geht<\/strong>, weil die Umst\u00e4nde sehr ung\u00fcnstig waren und mein Wille und meine Kraft nicht ausreichten, &#8222;meine Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen&#8220;, dann kann das im <strong>schlechtesten<\/strong> Fall zu <strong>Entt\u00e4uschung und Verbitterung<\/strong> f\u00fchren: dann beklage ich meine Lage und das Schicksal, das dazu gef\u00fchrt hat.\u00a0 Bei gleicher Ausgangslage werde ich &#8211; im<strong> besten<\/strong> Fall &#8211; trotzdem mein Leben als &#8222;gelungen&#8220; empfinden, weil es mir gelingt, mich mit den belastenden Verh\u00e4ltnissen und mit meinen eigenen Grenzen zu arrangieren, weil ich nicht mehr dagegen angehe, nachdem ich erkannt habe, dass ich an ihnen nichts ver\u00e4ndern kann. (Nat\u00fcrlich kann ich nicht wissen, ob sich noch etwas ver\u00e4ndert bei mir oder bei den Verh\u00e4ltnissen. Deshalb ist es ja auch so schwer, sich mit ung\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen zu arrangieren und mit sich selbst Frieden zu schlie\u00dfen.)<\/p>\n<p>Wenn ich nicht nur die individuelle, sondern auch die <strong>gesellschaftliche Ebene<\/strong> in den Blick nehme, dann komme ich zum gleichen Ergebnis. Aber hier f\u00e4llt es mir emotional schwer, die <strong>Freiheit als Illusion<\/strong> zu sehen. Ich wei\u00df ja, dass ich die positiven Verh\u00e4ltnisse, unter denen ich lebe (Demokratie, Rechtssicherheit, soziale Absicherung\u2026) vielen Menschen zu verdanken habe, die daf\u00fcr gek\u00e4mpft haben, die sich also die \u201eFreiheit\u201c genommen haben, gegen Widerst\u00e4nde anzugehen. Warum ist die Freiheit auch hier eine Illusion? Wenn jedes einzelne Individuum so leben muss, wie es lebt (siehe oben), kann es auch f\u00fcr die Summe der Einzelnen keine Spielr\u00e4ume geben, in denen wirklich freier Wille feststellbar ist und wirksam werden kann.<\/p>\n<p>Was <strong>das praktische Leben<\/strong> anbelangt, so haben meine theoretischen \u00dcberlegungen zur Freiheit keine Auswirkungen auf unser Handeln. <strong>Wir halten mit guten Gr\u00fcnden fest an der Illusion, dass wir die Freiheit haben, die Verh\u00e4ltnisse unseres Lebens zu beeinflussen<\/strong>. Anders geht es nicht. Es kann uns ja egal sein, warum wir die Motivation, die F\u00e4higkeit und die Kraft haben, in die Verh\u00e4ltnisse nach unseren Vorstellungen einzugreifen. Hauptsache, wir haben diese Motivation, F\u00e4higkeit und Kraft. Es \u00e4ndert sich nur in unserer Einstellung denen gegen\u00fcber etwas, die diese Eigenschaften nicht haben. Sie sind nicht weniger Wert deshalb. Sie haben nur ein anderes Schicksal, sie haben Pech gehabt.<\/p>\n<p>Jeder lebt sein Leben so gut er kann. Er kann es nur im Rahmen all der Bedingungen, denen er unterworfen ist. Auch sein als frei empfundener Wille ist diesen Bedingungen unterworfen.<br \/>\nDas kann man Determinismus nennen \u2013 allerdings ist deshalb unser Leben nicht voraussagbar. Denn die Millionen Einfl\u00fcsse, die unser Denken, F\u00fchlen und Handeln bestimmen und unseren Willen lenken, sind unendlich variabel und nur in sehr geringem Ma\u00dfe kalkulierbar.<\/p>\n<p><strong>Mein Fazit: halten wir uns vor Bewertungen und Urteilen \u00fcber den Lebensweg anderer Menschen und unseres eigenen Lebensweges zur\u00fcck.<\/strong> Begreife wir es als Gl\u00fcck, wenn wir vom Schicksal beg\u00fcnstigt wurden, und ertragen wir das Pech, wenn wir weniger beg\u00fcnstigt wurden. In jedem Fall sollten wir die Chancen, die sich uns bieten, ergreifen. Und wenn wir sie nicht ergreifen, dann hat das auch seine Gr\u00fcnde, an denen wir offensichtlich nichts \u00e4ndern konnten &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer.<\/p>\n<p><strong>Schlussbemerkung:<\/strong> dieser Text, den ich geschrieben habe, wirkt sich auf den Leser als Einfluss aus. Wenn der Text <strong>missverstanden<\/strong> wird, dann erzeugt er Passivit\u00e4t (also die Vorstellung: was ich denke und tue, ist ja nur Ergebnis der auf mich einwirkenden Einfl\u00fcsse, also ist alles Bem\u00fchen nur Illusion. Ich lasse mich also treiben wie das Plankton im Meer). Wenn der Text <strong>richtig verstanden<\/strong> wird, dann hat er keinen Einfluss auf die Lebensgestaltung des Einzelnen &#8211; mit Ausnahme einer Empfindung von Demut im besten Sinne: das Leben hinnehmen als Geschenk des Schicksals, sich selbst annehmen als einen Menschen mit Grenzen, die Verh\u00e4ltnisse als R\u00e4tsel betrachten, das viele L\u00f6sungen zul\u00e4sst.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir f\u00fchlen uns frei, uns so oder anders zu entscheiden, wenn wir nicht durch die Verh\u00e4ltnisse oder durch eine Person zu irgendetwas gezwungen werden. Aber mir kommen Zweifel, wenn ich n\u00e4her \u00fcber diese \u201eFreiheit\u201c nachdenke. 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