{"id":711,"date":"2015-05-26T22:42:34","date_gmt":"2015-05-26T22:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=711"},"modified":"2015-12-26T22:03:11","modified_gmt":"2015-12-26T22:03:11","slug":"17-maenner-frauen-und-die-evolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=711","title":{"rendered":"17. M\u00e4nner, Frauen und die Evolution"},"content":{"rendered":"<p>Die Rede vom Kampf der Geschlechter betont das Gegeneinander m\u00e4nnlicher und weiblicher Interessen und die Unvereinbarkeit ihrer Eigenschaften. In der Kritik an der patriarchalischen Geschlechterrolle kommen die M\u00e4nner oft nicht gut weg. Aggressivit\u00e4t, dominantes Auftreten, Gef\u00fchlsarmut bis hin zu fehlender sozialer Kompetenz werden nicht selten als \u201etypisch m\u00e4nnliche Eigenschaften\u201c bezeichnet. Wie weit solche Eigenschaften biologisch oder sozial determiniert sind, wird heftig diskutiert. Ich vermute, dass M\u00e4nner und Frauen gut zusammenleben k\u00f6nnen, wenn die angeblich typischen \u201em\u00e4nnlichen\u201c und \u201eweiblichen\u201c Eigenschaften \u2013 unabh\u00e4ngig von ihrer Zuordnung zu ihren biologischen Tr\u00e4gern \u2013 sich gegenseitig erg\u00e4nzen und befruchten.<\/p>\n<p>Diese Vermutung erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn wir in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit eintauchen.<\/p>\n<p>Was haben unterschiedliche Geschlechterrollen mit Evolution zu tun? Das soll eine (zu Unrecht als sexistisch kritisierte) Szene aus dem Kinofilm \u201eGenie und Wahnsinn\u201c verdeutlichen, der das Leben des Nobelpreistr\u00e4gers und Spieltheoretikers John Forbes Nash nacherz\u00e4hlt: der Student Nash sitzt mit Kommilitonen in einer Bar, als eine Gruppe junger M\u00e4dchen hereinkommt. Besonders eine Blondine findet das Gefallen der Studenten. Was tun? Einer der Studenten meint, jeder solle auf eigene Faust versuchen, die begehrte Frau zu erobern, und beruft sich dabei auf den \u00d6konomen Adam Smith, der geschrieben hat: \u201eIm Wettbewerb kommt der individuelle Ehrgeiz dem Gemeinwohl zugute.\u201c Nash widerspricht und argumentiert: wenn sie sich alle um die Blondine rissen, dann behinderten sie sich gegenseitig und keiner w\u00fcrde Erfolg haben. Die anderen M\u00e4dchen w\u00e4ren dann auch weg, weil keine von ihnen die zweite Wahl sein will. Es ist kl\u00fcger, die Blondine zu ignorieren und mit ihren Freundinnen zu flirten. Dann sind alle am besten dran. Was die Blondine betrifft, so solle man die Wahl ihr \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>In die gleiche Kerbe schlagen die Ergebnisse einer Forschung, die an der University of East Anglia in Norwich durchgef\u00fchrt worden ist (Werner Bartens in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 26. Mai 2015: \u201eWozu M\u00e4nner?&#8220;) <strong>Die Wissenschaftler fragten sich aus evolutionstheoretischer Sicht, warum es \u00fcberhaupt M\u00e4nner gibt.<\/strong> Denn sie seien bei der <strong>Reproduktion der Gattung<\/strong> kaum dienlich. Die Frauen bringen die Kinder zur Welt und die M\u00e4nner tragen lediglich Sperma dazu bei.<\/p>\n<p>Auf die pers\u00f6nlichen Ebene \u00fcbertragen: im Leben so mancher Frau gibt es Momente, in denen sie sich fragt, wozu M\u00e4nner eigentlich gut sind. Bartens schreibt: \u201eSie (M\u00e4nner) riechen nach Schwei\u00df, schnarchen und sogar f\u00fcr einfachste h\u00e4usliche T\u00e4tigkeiten sind sie selten zu gebrauchen. Was die Frauen meistens nicht wahrhaben wollen: W\u00e4hrend sie argw\u00f6hnisch Nasenhaare und Bauchansatz des Mannes an ihrer Seite betrachten, sollten sie sich dar\u00fcber klar sein, dass sie gerade ein Prachtexemplar der Evolution vor sich haben, das durch sein unvergleichliches \u00c4u\u00dferes, seinen bet\u00f6renden Geruch und seine unwiderstehlichen Umgangsformen hunderttausende Jahre Menschheitsgeschichte \u00fcberstanden hat, ohne dass er oder seine Ahnen als genetisch nicht vermittelbar aussortiert worden sind.\u201c<\/p>\n<p>Was hier so blumig beschrieben wird, nennen die Forscher <strong>sexuelle Selektion<\/strong>. Das m\u00e4nnliche Werben um die Frau \u2013 das Getue eines Rad schlagenden Pfaus, das Posieren und Flirten, die ihr geltende besondere Aufmerksamkeit und H\u00f6flichkeit dienen dazu, die eigenen Vorz\u00fcge zu betonen. In der Begrifflichkeit der Evolutionstheorie gesprochen: <strong>in einer Population sollen die besten Anlagen zum Vorschein kommen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zweck eines Verhaltens nach den Gesetzen der Evolution ist es, gesunde Nachkommen in einer gesch\u00fctzten Umgebung zur Welt zu bringen.<\/strong> Die Spezies Mensch soll vom Aussterben bewahrt und im Kampf ums \u00dcberleben gest\u00e4rkt hervorgehen. Und dieser Zweck wird am besten erf\u00fcllt, wenn erstens die <strong>M\u00e4nner im Wettbewerb<\/strong> um die Frauen <strong>sich darin \u00fcberbieten, wer der Attraktivste ist<\/strong>, und wenn zweitens die <strong>Frauen mit Bedacht ihre Wahl treffen<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Forscher, die ihre Theorie anhand der Untersuchung von 50 K\u00e4fergenerationen \u00fcberpr\u00fcft und verifiziert haben, kommen zu dem Schluss, zwei Geschlechter gebe es vor allem deshalb, um diesen evolution\u00e4ren Prozess zu stimulieren. Denn erst durch die <strong>Zurschaustellung der Unterschiede<\/strong> entscheide sich, wer seine Gene an die n\u00e4chste Generation weitergeben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\u201eDas Verhalten der M\u00e4nner ist \u00fcberwiegend als Bem\u00fchen zu verstehen, ihren Spermien die besten Aussichten zu verschaffen\u201c, wird der Biologe Robin Baker zitiert, der in seinem Buch \u201eKrieg der Spermien\u201c dem <strong>Kampf um die beste Keimzellenkombination<\/strong> als einen der wichtigsten Antriebe des Daseins beschreibt. Und das Verhalten der Frauen k\u00f6nne \u00fcberwiegend als ein Bem\u00fchen verstanden werden, Einfluss darauf zu nehmen, dass der aus ihrer Sicht \u201ebeste\u201c Mann die h\u00f6chsten Erfolgschancen hat.<\/p>\n<p><strong>Wenn M\u00e4nner sich<\/strong> in bestimmten Situationen <strong>zu Affen machen<\/strong>, sobald sich eine attraktive Frau n\u00e4hert, sollten wir also vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse Nachsicht walten lassen. Der Verhaltensbiologe Karl Grammer hat festgestellt: \u201eM\u00e4nnliche Selbstdarstellung und Statusorientierung sind ein Ergebnis weiblicher Auswahlkriterien.\u201c Mit anderen Worten \u2013 und mit Blick auf die Evolutionsgeschichte: <strong>Frauen haben die M\u00e4nner zu dem gemacht, was sie heute sind.<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke mir: wir Menschen \u2013 ob Mann oder Frau \u2013 haben sehr unterschiedliche Geschm\u00e4cker, was die Attraktivit\u00e4t des anderen Geschlechts anbelangt. Es gibt zwar gesellschaftlich gepr\u00e4gte Vorlieben f\u00fcr bestimmte Eigenschaften und entsprechende Moden, aber die individuellen Neigungen sind doch sehr unterschiedlich \u2013 trotz des in der jeweiligen Kultur herrschenden relativ einheitlichen Zeitgeistes. Dar\u00fcber, wovon diese pers\u00f6nlichen Neigungen abh\u00e4ngig sind, gibt es zahlreiche Spekulationen. Die Identifikation mit dem Vater oder der Mutter \u2013 vielleicht auch eine bewusste Abgrenzung von ihnen \u2013 spielt dabei sicher eine Rolle.<\/p>\n<p>Wir M\u00e4nner bilden uns gern ein, dass wir diejenigen sind, die eine eigenst\u00e4ndige Wahl getroffen haben, wenn wir uns verlieben und uns f\u00fcr eine Partnerin entscheiden. Aber die zitierte Forschung legt eine andere Deutung nahe: wir werden ausgew\u00e4hlt. Die entscheidende Frage sowohl f\u00fcr den Bestand der Partnerschaft als auch f\u00fcr den evolution\u00e4ren Erfolg liegt also darin, ob die von uns ins Auge gefasste Frau ihre Wahl mit Bedacht trifft, wenn sie uns anderen M\u00e4nnern vorzieht. Aber was hei\u00dft hier \u201emit Bedacht\u201c? <strong>Sind es nicht die Gef\u00fchle, die uns \u00fcberw\u00e4ltigen, wenn wir uns verlieben?<\/strong> Spielt die rationale \u00dcberlegung da noch eine Rolle? <strong>Oder ist es der reine Sexualtrieb?<\/strong> Erfahren wir nicht immer wieder, dass solche M\u00e4nner bei Frauen am besten ankommen, wenn sie auf diese sexuell besonders anziehend wirken \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob diese M\u00e4nner auch \u00fcber Eigenschaften verf\u00fcgen, die f\u00fcr die \u201eAufzucht der Jungen\u201c wirklich wichtig sind?<\/p>\n<p>Bei uns in fr\u00fcheren Zeiten und in manchen Gesellschaften auch heute noch betrachten es die Eltern der heiratsf\u00e4higen jungen M\u00e4nner und Frauen als ihre Aufgabe, die Ehepartner zu bestimmen \u2013 bei religi\u00f6s begr\u00fcndeter Unaufl\u00f6slichkeit der Verbindung. Das hatte und hat wohl meist seinen Grund darin, die Eigentumsverh\u00e4ltnisse der jeweiligen Familien positiv gestalten zu wollen. Die elterliche Auswahl des Partners lehnen wir modernen Menschen ab. Wir riskieren lieber eine falsche Wahl, indem wir uns &#8222;blind&#8220; allein vom Gef\u00fchl sagen lassen, welche(r) Partner(in) der\/ die Richtige ist.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hlt das Gef\u00fchl wirklich blind?<\/strong> Das Gef\u00fchl der meisten Frauen &#8211; so vermute ich &#8211; wird mehr oder weniger unbewusst auch von der Suche nach materieller Sicherheit beeinflusst. Erfogreiche M\u00e4nner werden vielfach auch dann als attraktiv (&#8222;sexi&#8220;) empfunden, wenn ihre sonstigen Eigenschaften eher am unteren level angesiedelt sind.<\/p>\n<p>Je weniger die <strong>berufst\u00e4tigen Frauen<\/strong> wegen ihrer materiellen Unabh\u00e4ngigkeit darauf angewiesen sind, dass die von ihnen ausgew\u00e4hlten M\u00e4nner ihnen und den gemeinsamen Kindern Sicherheit und gute Lebensbedingungen bieten, desto weniger kommt es darauf an, dass die Frauen ihre Wahl &#8222;mit Bedacht&#8220; treffen. Dieser Gedanke klammert allerdings die seelische Dimension aus: <strong>das Leiden an der Trennung<\/strong>. Es trifft am meisten die Kinder, wie wir wissen. Aber auch das ist wahr: wenn Partner trotz ehrlichen Bem\u00fchens nicht zusammen passen, dann ist auch f\u00fcr die Kinder eine Trennung ihrer Eltern (ein Ende mit Schrecken) besser als ein Schrecken ohne Ende. Es gibt ja auch <strong>relativ kinderfreundliche Formen der Trennung<\/strong>.<\/p>\n<p>Was es aus evolution\u00e4rer Sicht bedeutet, wenn die Notwendigkeit des weiblichen Bedachts bei der Wahl des Partners entf\u00e4llt, sei dahingestellt. Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass die Gef\u00fchle und die Intuition der Frauen eine hinreichend klare (und nicht verwirrte) \u201einnere Stimme\u201c abgeben &#8211; und sich dabei nicht vorwiegend an materiellen Ma\u00dfst\u00e4ben orientieren. Das gilt auch f\u00fcr uns M\u00e4nner, denn <strong>wir haben ja auch noch ein W\u00f6rtchen mitzureden<\/strong>, wenn es darum geht, ob wir die auf uns gefallene Wahl annehmen oder nicht. Vielleicht liegen wir als M\u00e4nner und auch als Frauen ja sowohl aus pers\u00f6nlicher als auch aus evolutionstheoretischer Sicht richtig, wenn wir uns in der Liebe weniger vom Verstand und mehr vom Bauchgef\u00fchl leiten lassen. Am besten ist immer eine <strong>Harmonie zwischen Bauch und Kopf<\/strong> beim Ausw\u00e4hlen wie auch bei der Annahme der Wahl.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rede vom Kampf der Geschlechter betont das Gegeneinander m\u00e4nnlicher und weiblicher Interessen und die Unvereinbarkeit ihrer Eigenschaften. In der Kritik an der patriarchalischen Geschlechterrolle kommen die M\u00e4nner oft nicht gut weg. Aggressivit\u00e4t, dominantes Auftreten, Gef\u00fchlsarmut bis hin zu fehlender sozialer Kompetenz&#8230;<\/p>\n<p><a class='more-link' href='http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=711'>Read More <span class='screen-reader-text'>17. M\u00e4nner, Frauen und die Evolution<\/span><\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[90],"tags":[411,414,404,416,402,409,408,406,417,413,412,415,407,403,405],"class_list":{"1":"post","2":"publish","3":"author-admin","4":"post-711","6":"format-standard","7":"category-einzelbetrachtungen","8":"post_tag-adam-smith","9":"post_tag-die-spezies-mensch","10":"post_tag-evolution","11":"post_tag-frau-waehlt-partner-mit-bedacht","12":"post_tag-geschlechterkampf","13":"post_tag-geschlechterrollen","14":"post_tag-john-forbes-nash","15":"post_tag-konkurrenz-der-maenner","16":"post_tag-materielle-unabhaengigkeit","17":"post_tag-menschheitsgeschichte","18":"post_tag-reproduktion-der-gattung","19":"post_tag-sexuelle-selektion","20":"post_tag-spieltherorie","21":"post_tag-typische-maennliche-eigenschaften","22":"post_tag-werben-um-die-frau","23":"excerpt"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/711","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=711"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/711\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":912,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/711\/revisions\/912"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=711"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=711"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=711"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}