{"id":649,"date":"2015-05-05T21:49:38","date_gmt":"2015-05-05T21:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=649"},"modified":"2015-12-26T22:24:15","modified_gmt":"2015-12-26T22:24:15","slug":"die-moderne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=649","title":{"rendered":"16.- Die Moderne"},"content":{"rendered":"<p>Unter Moderne kann man so manches verstehen. Ich begreife sie philosophisch und verstehe darunter die Zeit, seit sich das Denken von vorgegebenen Inhalten in aller \u00d6ffentlichkeit frei machen kann, also aufgekl\u00e4rtes Leben m\u00f6glich ist. Die Moderne ist nicht irgendeine Zeitepoche, sondern die letzte und \u2013 gemessen an der Werteskala der Menschenrechte &#8211; die h\u00f6chste, die es geben kann. Eine Gesellschaft, die sich auf sie beruft, muss sie sich verdient haben. Diese Bedingung gilt auch f\u00fcr das Individuum.<\/p>\n<p>Die Moderne, wie ich sie verstehe, zeichnet sich gegen\u00fcber vorangegangenen Zeiten dadurch aus, dass sie sich nicht auf religi\u00f6se oder ideologisch-totalit\u00e4re Sinnordnungen gr\u00fcndet, sondern sich am Ideal der kritischen Vernunft des Individuums orientiert. Die Moderne spricht dem Einzelnen die Freiheit zu, sich nicht bevormunden zu lassen. Aber genau in dieser St\u00e4rke liegt auch ihre Schw\u00e4che und Angreifbarkeit. Denn das Vertrauen in die kritische Vernunft des Menschen und in seine Kompetenz, mit seiner Freiheit verantwortlich umzugehen, l\u00e4sst sich allzu leicht als Illusion entlarven. Was folgt daraus? M\u00fcssen wir Aufkl\u00e4rung und Moderne abschreiben angesichts der Unvernunft so vieler Menschen und ihrer Unf\u00e4higkeit, Freiheit sinnvoll zu nutzen &#8211; als Einzelne und als manipulierbare Medienkonsumenten, als Angeh\u00f6rige von mit Scheuklappen behafteten Interessengruppen, unvern\u00fcnftigen Lebensstilen oder ideologisch eingef\u00e4rbten Weltanschauungsgemeinschaften?<\/p>\n<p>Nein. Denn zur kritischen Vernunft geh\u00f6rt die Skepsis gegen\u00fcber Verallgemeinerungen, geh\u00f6rt die Einsicht, dass Verallgemeinerungen zwar gebr\u00e4uchlich sind &#8211; kontrollierte Verallgemeinerungen geh\u00f6ren sogar zu den methodischen Grundpfeilern der Wissenschaften \u2013 jedoch meist (oder sehr leicht) in die Irre f\u00fchren. Wer ganzen Zeitabschnitten (Epochen, Generationen, dem Zeitgeist) eine Bezeichnung verpasst oder sich einer solchen bedient, der sollte wissen, dass er sich dabei in einer konstruierten \u201eLandschaft\u201c befindet. Der sollte wissen, dass verallgemeinernde Bezeichnungen Bezug nehmen auf mehr oder weniger willk\u00fcrlich (oder mit bestimmten Absichten) herausgegriffene Einzelph\u00e4nomene, die als Zeichen f\u00fcr das Ganze herhalten.<\/p>\n<p>Um verst\u00e4ndlich zu machen, was ich meine, vergleiche ich den Strom der Zeit mit einem Flusslauf. Wenn ich ein Netz in diesen Fluss halte, dann werde ich irgendwann vielleicht einen Fisch fangen. Welcher Fisch das ist, h\u00e4ngt von meinen Absichten ab, also davon, an welcher Stelle und zu welcher Tageszeit ich gezielt das Netz mit bestimmter Maschenweite ausgeworfen habe. Unter den vielen Fischarten, die im Fluss leben, fange ich z.B. einen Karpfen, eine Forelle oder eine \u00c4sche. Der Einfachheit halber k\u00f6nnte ich einen Leitfisch (z.B. die Forelle) als die Art bezeichnen, mit dem ich das Charakteristische dieses Flussabschnittes zum Ausdruck bringe. Ich verpasse also diesem Abschnitt das Etikett \u201eForellenregion\u201c, obwohl dieser Abschnitt noch viele andere Lebewesen und anorganische Eigenschaften (Ger\u00f6ll, Str\u00f6mungsgeschwindigkeit, Wassertemperatur etc.) aufweist.<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich auch im Falle der Moderne. Eine besondere Eigenschaft des Menschen tritt mit ihr in den Fokus der Aufmerksamkeit: seine Befreiung von selbstverschuldeter Unm\u00fcndigkeit (wie es Immanuel Kant, der wichtigste Theoretiker der Moderne, auf den Punkt gebracht hat). Auch schon in fr\u00fcheren Epochen gab es aufgekl\u00e4rte, selbst\u00e4ndig denkende Individuen. Aber sie wurden von den ma\u00dfgeblichen Chronisten und Geschichtsschreibern nicht als \u201eLeitarten\u201c definiert. Denn andere \u201eArten\u201c bestimmten den Charakter der Zeit und ihrer Kultur, z.B. Adel und Klerus. Sie hatten mit dem freien Denken wenig am Hut. Die Untertanen parierten besser, wenn sie in einer vorgegebenen geistigen Ordnung fest eingebunden waren.<\/p>\n<p>Die Moderne (\u201edie aufgekl\u00e4rte Epoche\u201c) versteht sich \u00fcbrigens nicht als eine einseitig auf die Ratio fixierte Zeit. Das wird manchmal b\u00f6swillig unterstellt. Man beruft sich dabei auf \u201eFreigeister\u201c, die sich allein von ihrem Verstand leiten lassen. Die meisten Zeitgenossen glauben an bestimmte Sinnordnungen. Vernunft geht \u00fcber das blo\u00df rationale Erfassen von Wirklichkeit hinaus. Sie umfasst auch Gef\u00fchle, Intuitionen und die M\u00f6glichkeit spiritueller Erfahrungen.<\/p>\n<p>Ich selbst zum Beispiel denke, dass es eine h\u00f6here Ordnung gibt, kann sie jedoch nicht genauer bezeichnen. Die Ordnung, an die ich glaube (man kann das auch Gott nennen), ist ein Geheimnis, dessen Wirken sich in Teilen erahnen l\u00e4sst. Diese erahnten Gesetze des Lebens best\u00e4tigen sich in bestimmten Situationen, verweigern sich aber als Ganzes dem menschlichen Erkenntnisverm\u00f6gen. So wie eine Ameise in der K\u00fcche zwar ihren kleinen Lebensraum \u00fcberblickt, jedoch kein Bewusstsein vom ganzen Haus haben kann, so kann der Mensch auch nicht solche Dimensionen des Lebens erfassen, die seinen Sinnesorganen und seinem logischen Denken verschlossen sind. Sie \u00fcbersteigen seinen menschlichen Horizont. Mein sehr allgemein gehaltener Glaube l\u00e4sst sich auch nicht einer bestehenden Religion zuordnen. Er gibt mir immerhin eine gewisse Gelassenheit, weil ich unterstelle, dass diese Ordnung einen Sinn ergibt. So viel Abstraktion (Verzicht auf Glaubensdogmen) ist nicht jedermanns Sache.<\/p>\n<p>In der Moderne haben viele Weltanschauungen Platz \u2013 so wie es viele Fische in einem Fluss gibt. In der Moderne gibt es keinen Glauben und keine Ideologie, der\/ die sich als Wahrheit ausgeben kann und f\u00fcr alle Menschen gilt. Die mit dieser Ungebundenheit zusammenh\u00e4ngende Notwendigkeit des Einzelnen, sich frei zu entscheiden, wie er die Welt deuten m\u00f6chte und welche Schl\u00fcsse sich daraus f\u00fcr sein Leben ergeben, ist eine Herausforderung, die durchaus anstrengend sein kann. Fundamentalisten jedweder Couleur, die sich der Anstrengung und dem Risiko des selbstbestimmten Lebens entziehen, leben nicht in der Moderne, sondern in einem vormodernen Denk- und Lebensraum.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen in der Moderne nicht im empirisch Beweisbaren verhaften bleiben, k\u00f6nnen uns auch einem kirchlich, esoterisch oder philosophisch orientierten Glaubensgeb\u00e4ude anschlie\u00dfen und dieses wieder verlassen, wenn es uns nicht mehr \u00fcberzeugt. Wir k\u00f6nnen uns auch einfach nur treiben lasse \u2013 ohne jede gedankliche Grundorientierung. Das Gemeinsame aller Wissens- und Glaubensrichtungen, die sich der Moderne zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, ist die bewusste Entscheidung, was wir denken und wie wir leben wollen. In allen F\u00e4llen kommt es darauf an, ob sich die jeweilige Weltanschauung \u2013 sei es eine rein rationale Einstellung, der Glaube an etwas H\u00f6heres oder eine nihilistische Haltung &#8211; auch in pers\u00f6nlichen Krisenzeiten und beim Sterben als tragf\u00e4hig erweist.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Moderne kann man so manches verstehen. Ich begreife sie philosophisch und verstehe darunter die Zeit, seit sich das Denken von vorgegebenen Inhalten in aller \u00d6ffentlichkeit frei machen kann, also aufgekl\u00e4rtes Leben m\u00f6glich ist. 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