{"id":640,"date":"2015-05-03T08:10:45","date_gmt":"2015-05-03T08:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=640"},"modified":"2015-12-26T22:23:04","modified_gmt":"2015-12-26T22:23:04","slug":"wer-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=640","title":{"rendered":"15.- Wer bin ich?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberall hei\u00dft es: \u201eSei Du selbst!\u201c oder \u201eWerde der Du bist!\u201c Aber das setzt voraus, dass ich wei\u00df, wer ich bin. Woher soll ich das denn wissen? Ich kann mich beobachten \u2013 o.k. Aber dann stelle ich fest, dass ich sehr viel Wert darauf lege, von anderen Menschen gemocht oder zumindest nicht abgelehnt zu werden. Und ich stelle auch fest, dass ich manchmal Gedanken und Gef\u00fchle habe, die ich anderen Menschen nicht zumuten will, also lieber verberge. Denn wenn ich meinen Mitmenschen alles ganz offen und ehrlich \u2013 ganz ohne die Maske der H\u00f6flichkeit &#8211; mitteilen w\u00fcrde, was da gerade an Schlechtigkeiten in mir vorgeht, dann w\u00fcrde ich sehr schnell ganz \u00fcbel anecken. Dann d\u00fcrfte mich nicht wundern, wenn diese Menschen mich als anstrengend, merkw\u00fcrdig, leicht daneben empfinden oder gar f\u00fcr b\u00f6sartig halten. Au\u00dferdem mag ich an mir selbst manches nicht: manche Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, manche Gef\u00fchle, die unreflektiert in mir aufsteigen, krass egoistisches Verhalten. Wenn ich solche sozial unvertr\u00e4glichen bis unmoralischen Seiten an mir entdecke, dann m\u00f6chte ich mich \u00e4ndern, m\u00f6chte mich erziehen.<\/p>\n<p>Den gelegentlichen Wunsch, sich zu \u00e4ndern, hat wohl jeder, denke ich. Aber das w\u00fcrde dem Postulat \u201eSei Du selbst!\u201c widersprechen. Wenn ich mich \u00e4ndern will, dann doch deswegen, weil ich etwas an mir erkannt habe, was ich nicht gut finde \u2013 und das aus zwei Gr\u00fcnden:<\/p>\n<p>Der eine Grund f\u00fcr die Selbstkritik ist, dass ich denke, bestimmten Leistungsanforderungen nicht zu gen\u00fcgen, also zu tr\u00e4ge oder zu faul zu sein, mich zu wenig bem\u00fche, zu wenig trainiere. Ich will nicht erfolglos sein, nicht zu dick, nicht komisch gekleidet. Das nenne ich \u201e\u00e4u\u00dfere Anpassung.\u201c<\/p>\n<p>Der andere Grund kann sein, dass ich \u2013 wie bereits angedeutet &#8211; bestimmten charakterlichen Standards nicht entspreche, die man von mir erwartet oder die ich selbst von mir erwarte. Den Wunsch, auf charakterliche Eigenschaften bezogene Erwartungen zu gen\u00fcgen, nenne ich \u201e<strong>innere Anpassung\u201c<\/strong>. Auf diese beziehe ich mich in meinem weiteren Gedankengang.<\/p>\n<p>Es macht einen gro\u00dfen Unterschied, ob ich mit meinem Denken, F\u00fchlen und\/ oder Verhalten unzufrieden bin und mich entsprechend \u00e4ndern will, um den Erwartungen meiner Mitmenschen zu gen\u00fcgen, <strong>oder ob ich mich \u00e4ndern will, weil ich es selber will<\/strong>. Es ist manchmal schwierig, beides auseinander zu halten. Denn manchmal meine ich, etwas ganz aus mir selbst heraus zu wollen, aber gerate in den Zweifel: mache ich mir nur etwas vor? Will ich etwas vielleicht nur deshalb, weil ich \u2013 siehe oben \u2013 nicht anecken will bei meinen Freunden und Bekannten?<\/p>\n<p>\u00dcberspringen wir mal diesen Selbstzweifel. Nehmen wir also an, ich kritisiere mich selbst v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der (vermuteten) Meinung meiner Mitmenschen \u00fcber mich. Ich messe mich dann an einem in mir liegenden Ma\u00dfstab, den man auch \u201eGewissen\u201c nennt. Aber auch in diesem Fall entdecke ich: <strong>dieser Ma\u00dfstab f\u00fcr gut und b\u00f6se kommt von au\u00dfen<\/strong>, von der Gesellschaft, etwa aus einer bestimmten Weltanschauung oder Religion oder politischen Position. Ich habe diesen Ma\u00dfstab in Gestalt meines Gewissens verinnerlicht.<\/p>\n<p>Was nun? Ich ziehe daraus den Schluss, <strong>dass ich kein vollst\u00e4ndig autonomes Individuum sein kann<\/strong>, sondern immer eingebunden bin in ein gesellschaftliches Wertesystem. Das klingt zwar banal, aber ich finde es doch bemerkenswert, wenn ich mir das f\u00fcr mein Selbstverst\u00e4ndnis klar mache.<\/p>\n<p>Die Absage an die ziemlich berauschend wirkende Phantasie von Eigenst\u00e4ndigkeit und Eigenwilligkeit im Sinne vollst\u00e4ndiger Autonomie ist keine totale Absage an den Wunsch, autonom sein zu wollen. Wir wollen, wie schon gesagt, alle m\u00f6glichst unabh\u00e4ngig sein von den Einfl\u00fcsterungen unserer Umgebung, wollen \u201ewir selbst\u201c sein. Die Absage an die M\u00f6glichkeit vollst\u00e4ndiger Autonomie l\u00e4sst noch Raum f\u00fcr die <strong>Vorstellung von einer graduell abgestuften Autonomie<\/strong>: auch wenn ich nicht ganz autonom bin, so kann ich doch mehr oder weniger autonom sein. Und hinsichtlich dieser eingeschr\u00e4nkten Autonomie spielt mein <strong>Umgang mit meinem Gewissen<\/strong> eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>Wenn ich kritisch mit den auf mich einwirkenden Gef\u00fchls-, Denk- und Verhaltensgewohnheiten meiner Umgebung umgehe, also gesellschaftliche Normen, die in meiner Bezugsgruppe gelten, erst nach kritischer Pr\u00fcfung \u00fcbernehme und als Gewissen verinnerliche, dann spiegelt sich im H\u00f6ren und Befolgen der \u201eStimme meines Gewissens\u201c das Ma\u00df meiner Autonomie. Mit anderen Worten: je mehr ich meinem (reflektierten) Gewissen folge, desto mehr ist mein Urteilen und Verhalten mein eigenes, selbst\u00e4ndiges Urteilen und Verhalten \u2013 macht sich also unabh\u00e4ngiger von den Erwartungen meiner Mitmenschen. (Zu diesem Thema siehe auch <a title=\"2.- Soziale Angst und Anpassung\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259\">Beitrag 2<\/a>)\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberall hei\u00dft es: \u201eSei Du selbst!\u201c oder \u201eWerde der Du bist!\u201c Aber das setzt voraus, dass ich wei\u00df, wer ich bin. Woher soll ich das denn wissen? Ich kann mich beobachten \u2013 o.k. 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