{"id":554,"date":"2015-03-17T13:08:04","date_gmt":"2015-03-17T13:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=554"},"modified":"2015-12-26T22:17:46","modified_gmt":"2015-12-26T22:17:46","slug":"10-information-und-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=554","title":{"rendered":"10.- Information und Vertrauen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir uns eine Meinung bilden wollen, sind wir auf verl\u00e4ssliche Informationen angewiesen. Das ist im privaten Bereich nicht anders als im \u00f6ffentlichen. W\u00e4hrend im privaten Raum meine M\u00f6glichkeiten noch relativ gro\u00df sind, Informationen und Ger\u00fcchte \u00fcber einen Menschen oder \u00fcber ein Geschehen zu \u00fcberpr\u00fcfen und eventuell als b\u00f6sartige oder interessengeleitete Manipulation zu entlarven, bin ich im politischen Raum vollst\u00e4ndig darauf angewiesen, dass ich von den Medien korrekt und wahrheitsgetreu informiert werde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann ich mir ausw\u00e4hlen, welcher Zeitung, welcher Sendung, welchem Blog ich mein Vertrauen schenken will, weil ich dieses Medium f\u00fcr seri\u00f6s und unabh\u00e4ngig halte. Es gibt einige sog. <strong>\u201eLeitmedien\u201c,<\/strong> von denen gro\u00dfe Teile der Mediennutzer davon ausgehen, dass sie nicht wissentlich die Unwahrheit verbreiten. Allerdings werden sich Vertreter von Minderheitenmeinungen in den Medien immer nicht hinreichend ber\u00fccksichtigt f\u00fchlen. Sie sind entsprechend misstrauisch und hegen nicht selten den <strong>Verdacht, dass die Medien die \u00f6ffentliche Meinung manipulieren<\/strong>. Das f\u00fchrt zum Vorwurf der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c (bei Rechten gebr\u00e4uchlicher Ausdruck) oder der \u201eb\u00fcrgerlichen Presse, die l\u00fcgt\u201c (bei Linken gebr\u00e4uchlicher Ausdruck).<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher<\/strong> bestimmten <strong>allein die<\/strong> <strong>Leit- und Massenmedien<\/strong> die \u00f6ffentliche Debatte. Sie setzten die Themen und ihre Berichterstattung pr\u00e4gte die \u00f6ffentliche Meinung, die mit der ver\u00f6ffentlichten Meinung gleichgesetzt wurde. <strong>Inzwischen<\/strong> informieren sich immer mehr Menschen auch oder ausschlie\u00dflich aus dem <strong>Internet<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Die Medienlandschaft hat sich grundlegend gewandelt<\/strong>. Manche sprechen sogar von \u201eRevolution\u201c. Gemeint ist: im Internet ist das Verh\u00e4ltnis von Sender und Empf\u00e4nger einer Nachricht nicht mehr einseitig ausgerichtet, sondern wechselseitig: das Internet hat uns Nutzern von Medien die v\u00f6llig neue M\u00f6glichkeit geschaffen, Informationen und Meinungen nicht nur zu konsumieren, sondern selbst an ihrer Formulierung und Verbreitung mitzuwirken. Das Ergebnis ist eine <strong>neue Un\u00fcbersichtlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen kann es vorkommen, dass bestimmten Themen der \u00f6ffentlichen Debatte nicht mehr von den etablierten Leitmedien, sondern von sich massenhaft verbreitenden Nachrichten aus dem Internet gesetzt werden. \u00dcber das Internet kommen Ereignisse und Sichtweisen zur Sprache, die in den Leitmedien unerw\u00e4hnt geblieben sind. Und was die Kommentare betrifft, so gibt es die \u201eshit-storms\u201c, die sich \u00fcber Facebook und Twitter gegen bestimmte Mitteilungen oder Personen richten, die in den etablierten Leitmedien positiv dargestellt worden sind.<\/p>\n<p>Welche Informationen verdienen \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit? Diese Frage beantwortet nun nicht mehr nur eine kleine Anzahl von Redakteuren, sondern eine gro\u00dfe Menge von Personen, die sich \u00fcber das Internet mehr oder weniger Geh\u00f6r verschaffen.<\/p>\n<p>Daher ist die Frage, mit der ich mich in diesem Beitrag besch\u00e4ftigen will, aktueller denn je: <strong>Welcher Medieninformation k\u00f6nnen wir trauen?<\/strong> Versch\u00e4rft stellt sich diese Frage, weil im Internet \u2013 anders als in den Leit- und Massenmedien \u2013 auch anonyme Stimmen ver\u00f6ffentlicht sind, die nicht pers\u00f6nlich zur Verantwortung gezogen werden k\u00f6nnen, wenn die von ihnen verbreiteten Informationen nachweislich unwahr oder einseitig sind.<\/p>\n<p>Ein <strong>Problem der Anonymit\u00e4t<\/strong> besteht auch darin, dass unter ihrem Schutz Menschen gelegentlich ihren inneren Schweinehund \u201eganz ehrlich\u201c zu Wort kommen lassen, den sie ohne diesen Schutz im Zaum gehalten h\u00e4tten. So k\u00f6nnen \u00fcber Ger\u00fcchte Schmutzkampagnen ins Rollen kommen, die sich gegen hilflose Einzelne oder gegen Minderheiten richten.<\/p>\n<p>Ich denke mir: Die renommierten Leitmedien (Printmedien, Radio und TV) k\u00f6nnen es sich nicht leisten, wissentlich Unwahrheiten zu verbreiten. Denn sie m\u00fcssten dann f\u00fcrchten, dass die L\u00fcge von konkurrierenden Medien als solche entlarvt wird. Das w\u00fcrde den bisher guten Ruf (die Glaubw\u00fcrdigkeit) des Leitmediums sch\u00e4digen und damit seine wirtschaftliche Grundlage gef\u00e4hrden. <strong>Das Problem sind also nicht L\u00fcgen, sondern Halbwahrheiten, unterdr\u00fcckte Meldungen, ausgeblendete Informationen, einseitige Berichterstattungen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nun das \u201eProblem Medienvertrauen\u201c anhand einer Dankesrede der <strong>\u201eJournalistin des Jahres\u201c Golineh Atai<\/strong> n\u00e4her beleuchten. Die eindrucksvolle Rede wurde anl\u00e4sslich der Preisverleihung gehalten und in der ZEIT vom 26.2.2015 abgedruckt.<\/p>\n<p>Frau Atai berichtet als ARD-Korrespondentin \u00fcber den <strong>Krieg im Osten der Ukraine<\/strong>. Dabei macht sie Bekanntschaft mit der in kriegerischen Situationen \u00fcblichen Desinformation der Konfliktparteien und pl\u00e4diert daf\u00fcr, sich von dieser L\u00fcgenpropaganda nicht vereinnahmen zu lassen, sondern dem journalistischen Ethos von unabh\u00e4ngiger Berichterstattung treu zu bleiben.<\/p>\n<p>Sie sagt: \u201eDie meisten Journalisten in dem Land, in dem ich lebe, begreifen sich mittlerweile als Informationskrieger. Sie reden ganz offen \u00fcber ihre Mission\u2026Sie dr\u00e4ngen mich geradezu in die Rolle der Kriegerin hinein. Ich will aber Journalistin sein! Nicht Kriegerin! Eine Journalistin, die die Vorg\u00e4nge in der Welt nach einem Ma\u00dfstab misst. Dem universellen Ma\u00dfstab des Rechtsstaats, der Menschenw\u00fcrde, des V\u00f6lkerrechts. Bleib gelassen, sage ich mir, greife nicht an, spiel dieses Spiel nicht mit. Widerlege einfach St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die tausend erfundenen Geschichten, Verdrehungen, Verschleierungen, die die Informationskrieger jeden Tag produzieren.\u201c (Zum Ma\u00dfstab Menschenrechte siehe <a title=\"Dem18.- Die Menschenrechte im Systemvergleich\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=403\">Beitrag Dem18<\/a>)<\/p>\n<p>Wenn ich ein solches Bekenntnis lese, steigt in mir Zustimmung und Bewunderung auf. Aber gleich der n\u00e4chste Absatz st\u00fcrzt mich in Zweifel. Sie spricht von der \u201e<strong>Inszenierungsmaschinerie<\/strong> des Kreml. Sie behauptet, deren \u201efantastische Ausstrahlungskraft\u201c sei der Grund daf\u00fcr, dass \u201emittlerweile meine deutschen Freunde gar nicht mehr wissen, worum es in der Ukraine und in Russland geht.\u201c Es seien nur noch m\u00fcde Zweifel \u00fcbrig geblieben nach dem Motto: \u201eNichts ist wahr. Alles ist m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>Frau Atai f\u00fchlt sich als eine Journalistin, die Falschmeldungen unerschrocken aufdeckt. Aber sie tut dies einseitig. Sie erweckt den Anschein, als w\u00fcrde nur die russische Seite l\u00fcgen. Sie versteht nicht, dass Menschen, die den Konflikt aus der Ferne beobachten und dabei die sich widersprechenden Informationen aufnehmen, alle Informationen in Frage stellen, weil sie als Realisten davon ausgehen, dass in Kriegen die Wahrheit immer auf der Strecke bleibt.<\/p>\n<p>Frau Atai ist bei ihren Berichten auf Informationen angewiesen, die ihr von anderen Menschen zugetragen werden. Der Zuschnitt und die Einf\u00e4rbung von \u00fcberbrachten Informationen spiegelt immer die Entstellung der Informanten wider. Aber selbst dann, wenn die von ihr transportierten Informationen auf eigenem Erleben beruhen, eine L\u00fcge also objektiv als solche entlarvt werden kann, l\u00e4sst Frau Atai die Tatsache au\u00dfer acht, dass auch die Gegenseite, also die Ukrainische Regierung, eine \u00e4hnliche \u201eInszenierungsmaschinerie\u201c betreibt wie die russische Seite.<\/p>\n<p>Die Sicht von Frau Atai ist parteiisch, wenn sie nur die Desinformationen der einen Seite anprangert. Sie ist offensichtlich auf einem Auge blind, ohne es zu merken. Sie macht auf mich den Eindruck eines Menschen, der nicht wahrhaben will, dass es <strong>Grenzen der journalistischen Wahrheitsfindung<\/strong> gibt. Dies gilt nicht nur im Krieg, sondern abgeschw\u00e4cht auch in \u201enormalen\u201c Zeiten und Situationen. Zum Thema Medien, Macht und Meinung siehe auch <a title=\"3.- Anonymit\u00e4t, Terror und freie Meinung\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=416\">Beitrag 3<\/a> und Beitrag <a title=\"Dem13.- Medien und Macht\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=322\">Dem13<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Was folgt daraus?<\/strong> Wir m\u00fcndigen B\u00fcrger sollten unsere Meinungsbildung nicht allzu sehr von unserer bevorzugten Informationsquelle abh\u00e4ngig machen. Wir m\u00fcssen als Mediennutzer beim Konsumieren von Nachrichten eine grunds\u00e4tzlich skeptische Haltung einnehmen. Die einzige Hilfe, die wir dabei haben, ist die Medienvielfalt &#8211; also die M\u00f6glichkeit, Nachrichten aus verschiedenen Quellen miteinander vergleichen zu k\u00f6nnen \u2013 und unser kritischer Verstand, mit dem wir die Plausibilit\u00e4t bestimmter Informationen einsch\u00e4tzen. Aber die Unsicherheit bleibt.<\/p>\n<p><strong>Aufgabe des Staates<\/strong> ist es, f\u00fcr die Medienvielfalt zu sorgen. Er kann allerdings daf\u00fcr nur Rahmenbedingungen schaffen, z.B. mit der Kartellgesetzgebung. Wichtig in diesem Zusammenhang sind die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medienanstalten, die sich im Unterschied zu den privaten Medien \u00fcber kommerzielle Interessen hinwegsetzten k\u00f6nnen, die jedoch eher in der Gefahr stehen, dem Einfluss politischer Interessen zu unterliegen. Ein Nebeneinander von \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Medien ist in Ordnung.<\/p>\n<p>Was die <strong>Printmedien<\/strong> betrifft, so halte ich es f\u00fcr hilfreich im Sinne leichterer Orientierung, dass die einzelnen Medien hinsichtlich ihrer politischen Richtung ein mehr oder weniger klar <strong>erkennbares Profil<\/strong> aufweisen. Sie berichten aus eher linker, linksliberaler oder konservativer Perspektive. So lassen sich Nachrichten und Kommentare leichter einordnen und relativieren. Eine hohe Qualit\u00e4t erreichen Medien, wenn mehrere Sichtweisen und politischen Richtungen gleicherma\u00dfen zu Wort kommen lassen.<\/p>\n<p>Mit besonderer Aufmerksamkeit m\u00fcssen wir, so denke ich, den <strong>Einfluss der Wirtschaft auf die Medien<\/strong> beachten. Welche Informationen und welche Kommentare dienen den Interessen der Wirtschaft oder einer bestimmten Branche? Bekanntlich sind die meisten privaten Medien auf die Einnahmen aus Anzeigen angewiesen und werden sich h\u00fcten, ohne Not ihre Anzeigenkunden zu ver\u00e4rgern. Bei der Einschr\u00e4nkung \u201eohne Not\u201c denke ich an Informationen, die den Vertretern der Wirtschaft zwar wehtun, die jedoch nicht unterdr\u00fcckt werden k\u00f6nnen, ohne dass die Glaubw\u00fcrdigkeit des Mediums gro\u00dfen Schaden nimmt.\u00a0\u00a0<a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\"> zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir uns eine Meinung bilden wollen, sind wir auf verl\u00e4ssliche Informationen angewiesen. Das ist im privaten Bereich nicht anders als im \u00f6ffentlichen. W\u00e4hrend im privaten Raum meine M\u00f6glichkeiten noch relativ gro\u00df sind, Informationen und Ger\u00fcchte \u00fcber einen Menschen oder \u00fcber ein&#8230;<\/p>\n<p><a class='more-link' href='http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=554'>Read More <span class='screen-reader-text'>10.- Information und Vertrauen<\/span><\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[90],"tags":[329,326,325,328,327,330,331,156,322,323,324],"class_list":{"1":"post","2":"publish","3":"author-admin","4":"post-554","6":"format-standard","7":"category-einzelbetrachtungen","8":"post_tag-beispiel-ukraine","9":"post_tag-einseitigkeit","10":"post_tag-glaubwuerdigkeit","11":"post_tag-golineh-atai","12":"post_tag-halbwahrheiten","13":"post_tag-informationskrieger","14":"post_tag-inszenierungsmaschinerie","15":"post_tag-internet","16":"post_tag-leitmedium","17":"post_tag-massenmedium","18":"post_tag-vertrauen","19":"excerpt"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=554"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":924,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions\/924"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}