{"id":541,"date":"2015-03-16T14:04:56","date_gmt":"2015-03-16T14:04:56","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=541"},"modified":"2015-12-26T22:16:40","modified_gmt":"2015-12-26T22:16:40","slug":"8-selbstbewusstsein-und-selbstsicherheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=541","title":{"rendered":"9.- Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit"},"content":{"rendered":"<p>Wer von uns will nicht selbstbewusst und selbstsicher sein, sich nicht verunsichern lassen durch bef\u00fcrchtete oder tats\u00e4chliche Ablehnung und Kritik? Wir m\u00f6chten einer Kritik souver\u00e4n begegnen k\u00f6nnen und, wenn wir einen Fehler gemacht haben, diesen einr\u00e4umen k\u00f6nnen, ohne uns dabei klein zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Wer selbstbewusst und selbstsicher ist, der plustert sich nicht auf, dr\u00e4ngt sich nicht in den Vordergrund, begegnet anderen nicht arrogant. Das hat er nicht n\u00f6tig. Die Neigung, sich \u00fcber andere zu erheben oder andere zu \u00fcbertrumpfen, wird zwar manchmal mit Selbstbewusstsein verwechselt, ist aber eher ein Zeichen von Unsicherheit. Mancher, der einer Situation nicht gewachsen ist, reagiert nach dem Motto: meine Unsicherheit \u00fcberspiele ich mit forschem Auftreten.<\/p>\n<p>Der Selbstbewusste und Selbstsichere wird nicht durch Gef\u00fchle der Minderwertigkeit bedr\u00e4ngt. Diese Gef\u00fchle sind sehr unangenehm. Sie hemmen und blockieren die davon betroffene Person in ihren M\u00f6glichkeiten, sich anderen Menschen gegen\u00fcber zu zeigen, wie sie ist und was in ihr steckt.<\/p>\n<p><strong>Das klingt alles so einfach und klar. Ist es aber nicht.<\/strong> Die Begriffe \u201eSelbstbewusstsein\u201c und \u201eSelbstsicherheit\u201c sind missverst\u00e4ndlich. Sie k\u00f6nnen als Konzepte verstanden werden, die im realen Leben kaum passgenau anzuwenden sind. Es sind Denkschemata, die wir uns zurechtschneidern. Daher m\u00f6chte ich dar\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p>Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein werden oft synonym verwendet, setzen jedoch unterschiedliche Akzente.<\/p>\n<p><strong>Selbstbewusstsein<\/strong> bedeutet nichts anderes als: jemand ist sich seiner selbst bewusst. Ein Mensch hat ein Ich-Gef\u00fchl entwickelt. Dieses Gef\u00fchl kann jedoch tr\u00fcgen. Vielleicht macht sich diese Person nur etwas vor. Sie mag sich zum Beispiel als Versager oder als Genie sehen und irgendwann erfahren, dass sie sich geirrt hat. Sie mag sich f\u00fcr besonders intelligent oder gef\u00fchlvoll oder raffiniert halten \u2013 und nach der Begegnung mit Menschen, die ihr in dieser Hinsicht weit \u00fcberlegen sind, merken, dass sie sich v\u00f6llig falsch eingesch\u00e4tzt hat. Sie ist eben nur Durchschnitt. Selbstbilder k\u00f6nnen \u2013 bei neuen Erfahrungen \u2013 wechseln.<\/p>\n<p>Wer selbstbewusst daherkommt, vermittelt den Eindruck der Selbstsicherheit. Unter <strong>Selbstsicherheit<\/strong> verstehe ich ein stabiles Selbstbewusstsein. Eine selbstsichere Person f\u00fchlt sich auch einer schwierigen Situation gewachsen, l\u00e4sst sich von dieser nicht verunsichern. Sie st\u00fcrzt sich nicht in Selbstzweifel, sondern steht unersch\u00fctterlich zu dem, was sie denkt, f\u00fchlt und tut.<\/p>\n<p>Aber auch hier beschleicht mich der Verdacht: ist dieses stabile Selbstbewusstsein nicht vielleicht auf Sand gebaut: auf einem Selbstbild, das der Realit\u00e4t nicht standh\u00e4lt? Woher bezieht der jeweilige Mensch seine Identit\u00e4t? Ist er jemand, der zum Beispiel denkt, er sei etwas Besonderes, weil er aus einer adligen Familie mit \u00fcberlegener genetischer Ausstattung stammt \u2013 und daraus sein stabiles Selbstbewusstsein (Selbstwertgef\u00fchl) ableitet? Anderes Negativbeispiel: Ein Mensch, dessen Selbstbewusstsein auf seinem akademischen Grad beruht, h\u00e4lt sich generell f\u00fcr kl\u00fcger und kompetenter als Menschen ohne diesen Grad. Er mag meinen, sich auch in Wissensgebieten, in denen er Laie ist, ein besseres Urteil bilden zu k\u00f6nnen als andere Laien.<\/p>\n<p>Aus diesen \u00dcberlegungen schlie\u00dfe ich: Bezeichnungen wie \u201eSelbstbewusstsein\u201c, \u201eSelbstsicherheit\u201c und \u201eSelbstwertgef\u00fchl\u201c sagen nicht viel aus, sondern besagen nur, dass jemand mit sich selbst zufrieden ist und sich nicht leicht verunsichern l\u00e4sst. <strong>Auch der gr\u00f6\u00dfte Depp ist mit sich zufrieden und l\u00e4sst sich nicht leicht verunsichern.<\/strong> Es muss also noch eine Qualit\u00e4t hinzukommen, bevor wir uns, wie eingangs erw\u00e4hnt, w\u00fcnschen, selbstbewusst und selbstsicher zu sein. Ich meine den <strong>Selbstzweifel<\/strong>. Ohne eine hinreichende Portion davon m\u00f6chte ich nicht selbstbewusst und selbstsicher sein.<\/p>\n<p>Erst der Selbstzweifel macht uns, so denke ich, zu Menschen, die den berechtigten Anspruch erheben k\u00f6nnen, ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt es auf die <strong>\u201erichtige\u201c Dosierung<\/strong> des Selbstzweifels an. Er kann zerst\u00f6rerisch wirken, wenn er \u00fcbertrieben wird. Aber sein Fehlen f\u00fchrt zu Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung aufgrund von Dumpfheit, Naivit\u00e4t, Kritikunf\u00e4higkeit, mangelndem Differenzierungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der im Sinne eines gesunden Selbstzweifels \u00fcber ein kritisch reflektiertes (und im Sinne der Selbstsicherheit stabiles) Selbstbewusstsein verf\u00fcgt, wendet seine Aufmerksamkeit auf sich selbst, sp\u00fcrt sich selbst, stellt sich seinen Gef\u00fchlen, verarbeitet das, was er erlebt und was ihm so durch den Kopf geht \u2013 und macht sich auf dieser Basis einen Reim auf sich selbst. Dieser Mensch ist dann, so k\u00f6nnte man sagen, \u201ebei sich\u201c, ist sich seiner selbst \u201ebewusst\u201c im Sinne einer wachen Verbindung zum eigenen unverstellten Empfinden, Denken und Wollen. Er nimmt sich in diesem Sosein an.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir in diesem (\u201egereinigten\u201c) Sinne selbstbewusst und auch selbstsicher werden? Gibt es \u00dcbungen, Trainingsabl\u00e4ufe, Methoden, um diese von uns allen ersehnten Haltungen zu erreichen? Obwohl es eine Menge entsprechender Angebote auf dem Psychomarkt gibt, bin ich da grunds\u00e4tzlich sehr skeptisch. Warum? Selbstbewusstsein und auch Selbstsicherheit entstehen nicht, weil wir es wollen und uns darum bem\u00fchen. Das funktioniert nicht. Da muss noch etwas hinzukommen.<\/p>\n<p>Wer sich seiner selbst bewusst sein will, muss eine Antwort auf die Frage finden, wer er ist. Daf\u00fcr reicht es nicht, seine Aufmerksamkeit auf das eigene F\u00fchlen und Denken zu richten. Wir m\u00fcssen unsere Selbstwahrnehmung in ein Selbstbild \u00fcbersetzen, das der Realit\u00e4t standh\u00e4lt. <strong>Und diese Realit\u00e4t wird uns durch unsere Mitmenschen gespiegelt.<\/strong> Darin liegt der gr\u00f6\u00dfte Nutzten ehrlicher Kommunikation unter Freunden.<\/p>\n<p>Die alten Griechen sprachen eine zentrale Aufgabe eines jedes Menschen an, wenn sie forderten: \u201eErkenne dich selbst\u201c. Die alten Griechen wussten: <strong>Wir machen uns gern etwas vor<\/strong>. Davor bewahrt uns auch nicht unsere Bereitschaft zur kritischen Reflexion unseres Selbstbildes. Davon bewahrt uns nur der Blick von Menschen, die uns wohl gesonnen sind.<\/p>\n<p>Was macht uns bei allem Selbstzweifel selbstbewusst und selbstsicher? Nicht nur unsere emotional ausgeglichene Befindlichkeit, sondern auch <strong>der Blick unserer Mitmenschen auf uns.<\/strong> Wie sie uns sehen, beeinflusst gravierend unser Selbstbild und unsere Selbstsicherheit. Und mit diesem Blick werden Anforderungen an uns transportiert, denen wir uns stellen m\u00fcssen. <strong>Wir m\u00fcssen uns also in irgendeiner Weise bew\u00e4hren.<\/strong> Erst dann signalisiert der Blick der anderen Menschen auf uns Anerkennung \u2013 und von der sind wir abh\u00e4ngig. Diese <strong>Anerkennung<\/strong> ist, so denke ich, die Voraussetzung daf\u00fcr, dass wir selbstbewusst und selbstsicher durch die Welt gehen.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind nicht so frei und autonom, wie wir es gern h\u00e4tten und uns manchmal einbilden. Als stammesgeschichtlich sozial definiertes Wesen sind wir abh\u00e4ngig von der Akzeptanz in der Gruppe, der wir uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Das war schon Thema im <a title=\"2.- Soziale Angst und Anpassung\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259\">Beitrag 2<\/a>.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer von uns will nicht selbstbewusst und selbstsicher sein, sich nicht verunsichern lassen durch bef\u00fcrchtete oder tats\u00e4chliche Ablehnung und Kritik? 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