{"id":448,"date":"2015-02-19T12:58:40","date_gmt":"2015-02-19T12:58:40","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=448"},"modified":"2015-12-26T21:39:03","modified_gmt":"2015-12-26T21:39:03","slug":"4-staedtischer-raum-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=448","title":{"rendered":"4.- St\u00e4dtischer Raum und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Bei Demos, Kundgebungen und sonstigen gr\u00f6\u00dferen Menschenansammlungen kommt es immer wieder zu Gewaltausbr\u00fcchen \u2013 aber dabei gibt es deutliche Unterschiede je nach Land. Wissenschaftler k\u00f6nnen erkl\u00e4ren, warum es in Deutschland friedlicher zugeht als in Frankreich. Weil mich dieser Befund ziemlich \u00fcberrascht hat, m\u00f6chte ich aus einem Bericht \u00fcber eine Tagung deutscher und franz\u00f6sischer Konfliktforscher zitieren, \u00fcber die Till Briegler in der SZ vom 18.2.15 berichtet hat.<\/p>\n<p>Der bekannte Buchautor Jan Philipp Reetsma (\u201eVertrauen und Gewalt\u201c), der das Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (HIS) leitet, das diese <strong>Tagung \u00fcber urbane Gewalt<\/strong> zusammen mit dem Pariser Justizforschungszentrum CESDIP ausgerichtet hat, schockierte die Teilnehmer mit der Bezeichnung \u201eGesindel\u201c f\u00fcr Menschen, die an st\u00e4dtischen Aufst\u00e4nden beteiligt sind. Er sprach \u00fcber Krawall als Lebensform, \u00fcber das \u201eSchreberg\u00e4rtnerhafte\u201c von Kiez-Aktivismus und \u00fcber die ausl\u00e4nderfeindliche (xenophobe) Attit\u00fcde, die noch in den meisten Ausbr\u00fcchen von Gewalt stecke. Von der in der herabsetzenden Bezeichnung \u201eGesindel\u201c zum Ausdruck kommenden \u201eFeindbild-Demagogie\u201c distanzierten sich die Forscher in der anschlie\u00dfenden Diskussion.<\/p>\n<p>Anliegen der versammelten Konfliktforscher war es, aus dem engen Blickwinkel politischer Pauschalverurteilung herauszuf\u00fchren. <strong>\u201eEskalationsrhetorik\u201c<\/strong> sei eher Teil des Problems als Teil der L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Es ging bei der Tagung nicht um terroristische Anschl\u00e4ge, sondern um <strong>kollektive Gewaltausbr\u00fcche<\/strong> (\u201eRiots\u201c). Zentrales Merkmal: <strong>Konfrontation mit der Polizei<\/strong> \u2013 von Scharm\u00fctzeln nach Ausweiskontrollen \u00fcber gewaltt\u00e4tige Demonstrationen bis zu mehrt\u00e4gigen und sich ausweitenden Krawallen oder gar revolution\u00e4ren Entwicklungen.<\/p>\n<p>Einige Untersuchungsergebnisse zum Verh\u00e4ltnis von Stadtraum, Gewalt und Politik, speziell <strong>zur Frage, \u201ewarum Deutschland so relativ friedlich ist und Frankreich st\u00e4ndig aufgew\u00fchlt\u201c<\/strong>:<\/p>\n<p>\u2022 \u201eIn Frankreich haben die Nachkommen nordafrikanischer Einwanderer zwar Zugang zu Bildung, aber danach <strong>nicht zum Arbeitsmarkt<\/strong>, was die soziale Frustration deutlich verst\u00e4rkt, w\u00e4hrend die ethnischen Barrieren zum Berufsleben in Deutschland bei Weitem nicht so hoch sind.\u201c<br \/>\n\u2022 Zur Rolle der <strong>Segregation<\/strong> (der stadtr\u00e4umlichen Ausgrenzung): \u201eW\u00e4hrend der landesweiten Unruhen 2005 in Frankreich blieben Stadtviertel, die eine gesunde soziale Mischung unterschiedlichster Bev\u00f6lkerungs- und Einkommensgruppen aufwiesen, von Krawallen verschont.\u201c<br \/>\n\u2022 Selbstverst\u00e4ndnis und Vorgehen der <strong>Polizei<\/strong>: Die deutschen Ordnungsh\u00fcter sehen sich als Teil der Bev\u00f6lkerung und wenden daher meist eine kommunikative, integrative Handlungsstrategie an. Die franz\u00f6sische Polizei dagegen agiert im Verst\u00e4ndnis, \u201evon der Bev\u00f6lkerung abgelehnt, ja gehasst zu werden.\u201c Daher geht sie wesentlich konfrontativer vor.<\/p>\n<p>\u201eDiese H\u00e4ufung von Beitr\u00e4gen, die deutsche Vernunft gegen franz\u00f6sische Disziplinierung setzte, f\u00fchrte schlie\u00dflich gerade einige deutsche Forscher zu dem Einwand, dass ihr Land und ihre Polizei vielleicht doch ein wenig zu gut wegk\u00e4men. Aber <strong>der deutsche Zwang zur Selbstkritik<\/strong> geh\u00f6rt ja vielleicht mit zu den Ursachen, warum hierzulande weniger Eskalation stattfindet.\u201c<\/p>\n<p>Auf der Tagung \u00fcber Gewalt im st\u00e4dtischen Raum ging es auch um den zentralen <strong>Begriff des \u201eTerritoriums\u201c.<\/strong> Ein wesentlicher Ausl\u00f6ser f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Konfrontation sei die Verletzung von empfundenen Raumgrenzen. Diese werde zum Beispiel empfunden, wenn eine Polizeieinheit in einen Demonstrationszug einbricht oder wenn Polizeistreifen Jugendliche in ihrem Kiez \u201eschikanieren\u201c. Menschen entwickeln zu ihrem Viertel ein subjektives Gebietsempfinden. Deutlich sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderungen im Sozialgef\u00fcge eines Stadtquartiers durch den Zuzug reicherer oder als \u201efremd\u201c empfundener Bev\u00f6lkerungsgruppen werden oft als Territorialverletzung wahrgenommen. Dieser \u201earchaische Instinkt\u201c erh\u00f6he die Bereitschaft, \u201ezur Verteidigung des eigenen Gebiets Gewalt einzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>Diesen hier knapp wiedergegebenen Bericht m\u00f6chte nicht kommentieren. Er ist eine wertvolle Information.<\/p>\n<p>Nur eine Information f\u00e4llt mir in diesem Zusammenhang &#8211; <strong>Vergleich des Demonstrationsverhaltens<\/strong> in Frankreich und Deutschland &#8211; noch ein:<\/p>\n<p>Wir nehmen immer mal wieder staunend zur Kenntnis, dass es <strong>in Frankreich riesige Streiks<\/strong> gibt, die von den Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen ausgerufen und massenhaft befolgt werden &#8211; auch von Berufsgruppen, die sich mit denen solidarisieren, die Forderungen nach h\u00f6heren L\u00f6hnen im \u00f6ffentlichen Dienst oder andere Forderungen an die Regierung stellen. In gewissen Abst\u00e4nden gibt es sogar Generalstreiks, die das gesamte \u00f6ffentliche Leben lahm legen.<\/p>\n<p>Bei uns <strong>in Deutschland<\/strong> sind gewerkschaftliche Demonstrationen <strong>eher mickrig<\/strong> und finden vergleichsweise wenig Resonanz in der breiten Bev\u00f6lkerung. Sind die Massenproteste in unserem Nachbarland wirklich, wie es scheint, <strong>Ausdruck eines wacheren politischen Bewusstseins?<\/strong><\/p>\n<p>Das denke ich nicht. Ich sehe den Unterschied eher in einer <strong>unterschiedlichen Tradition<\/strong>. Wie im Fall der urbanen Gewalt geht es auch bei der Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern um unterschiedliche Stile: <strong>Konfrontation oder Kooperation<\/strong>.<\/p>\n<p>Hierzu muss man wissen, dass es bei uns ein Gesetz gibt, das den Gewerkschaften eine Macht verleiht, von denen die franz\u00f6sischen Gewerkschaften nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen: <strong>die Tarifhoheit und die Tarifgebundenheit<\/strong>. Die Unternehmen sind gesetzlich an die Ergebnisse von Lohnverhandlungen zwischen Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer gebunden. Die deutschen Gewerkschaften sehen sich nicht als <strong>Klassengegner<\/strong> der Unternehmer, sondern als <strong>Partner<\/strong> auf Augenh\u00f6he. Das schafft g\u00fcnstige Randbedingungen daf\u00fcr, dass Lohnverhandlungen nicht in emotional aufgeheizter Stimmung stattfinden, sondern in einer sachlichen Atmosph\u00e4re \u2013 unspektakul\u00e4r und vertrauensbildend.<\/p>\n<p>Dass die (deutschen und franz\u00f6sischen) <strong>Gewerkschaften<\/strong> seit der fortgeschrittenen neoliberalen Globalisierung \u2013 seit Unternehmen mit Produktionsverlagerung drohen k\u00f6nnen \u2013 gegen\u00fcber den Arbeitgebern <strong>am sehr viel k\u00fcrzeren Hebel<\/strong> sitzen als fr\u00fcher und daher kaum noch Lohnerh\u00f6hungen oder Arbeitszeitverk\u00fcrzungen durchsetzen k\u00f6nnen, steht auf einem anderen Blatt <a title=\"9.- Die besondere Macht der Wirtschaft\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=162\">(Beitrag 9,<\/a> Demokratie).\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Demos, Kundgebungen und sonstigen gr\u00f6\u00dferen Menschenansammlungen kommt es immer wieder zu Gewaltausbr\u00fcchen \u2013 aber dabei gibt es deutliche Unterschiede je nach Land. 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