{"id":416,"date":"2015-02-17T11:55:15","date_gmt":"2015-02-17T11:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=416"},"modified":"2015-12-26T21:36:53","modified_gmt":"2015-12-26T21:36:53","slug":"3-anonymitaet-terror-und-freie-meinung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=416","title":{"rendered":"3.- Anonymit\u00e4t, Terror und freie Meinung"},"content":{"rendered":"<p>Warum sch\u00e4tzen wir die Anonymit\u00e4t so sehr? Wir verstecken uns gern hinter einer Maske \u2013 nicht nur im Fasching, sondern (im \u00fcbertragenen Sinn) auch in unserem Alltag. Ich denke, das hat viel mit unserer Verletzlichkeit zu tun. Wir sind nicht so selbstsicher, wie wir uns gern geben. Wir f\u00fcrchten Kritik, weil wir \u2013 vielleicht v\u00f6llig zu unrecht \u2013 dahinter eine Herabsetzung unserer Person vermuten.<\/p>\n<p>Und diese Verletzlichkeit unterstellen wir auch bei anderen Menschen. Daher halten wir uns zum Beispiel im Kreise unserer Freunde und Bekannten gelegentlich mit unserer Meinung zur\u00fcck, wenn wir f\u00fcrchten, damit jemandem \u201eauf die F\u00fc\u00dfe zu treten\u201c, den wir nicht ver\u00e4rgern wollen, weil uns an seiner guten Meinung \u00fcber uns sehr viel liegt. Wir bleiben in Deckung.<\/p>\n<p>Wenn wir im Internet einen Kommentar abgeben, dann wollen wir nicht, dass jeder die Spur zu unserer wahren Identit\u00e4t zur\u00fcckverfolgen kann. Warum? Vielleicht, weil wir berufliche Nachteile bef\u00fcrchten. Man wei\u00df ja nie, wie jemand reagiert, der die Dinge anders sieht als wir und von dessen Wohlwollen wir vielleicht mal abh\u00e4ngig sein werden.<\/p>\n<p>Was die M\u00f6glichkeit der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung betrifft, leben wir in der westlichen Welt geradezu in einem Paradies, obwohl es auch bei uns Tabus gibt, an die niemand ungestraft r\u00fchren darf. Die anzur\u00fchren traue ich mich nicht einmal in meinem anonymen Blog. Seit Edward Snowden wissen wir ja, dass auch wir Anonymen im Internet nie vor dem Entdecken sicher sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ob in Russland, in China oder in der arabischen Welt: dort ist es f\u00fcr uns mit unseren westlichen Denkgewohnheiten und unserer Lust, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, ziemlich gef\u00e4hrlich. In abgeschw\u00e4chter Weise ist es jedoch auch in unserer \u201efreien Gesellschaft\u201c ein Wagnis, in der \u00f6ffentlichen (ver\u00f6ffentlichten) Debatte Meinungen zu vertreten, die den unter Intellektuellen vorherrschenden Einstellungen und \u00dcberzeugungen zuwiderlaufen.<\/p>\n<p>Manche Tabus d\u00fcrfen bei uns nicht einmal als solche bezeichnet werden. Fr\u00fcher waren wir immer der Meinung, dass die Bezeichnung \u201eTerrorist\u201c nur aus einer bestimmten Perspektive heraus eindeutig zu verstehen ist. Aus einer anderen als der bei uns herrschenden Perspektive gesehen ist der Terrorist ein Freiheitsk\u00e4mpfer oder ein ehrenwerter K\u00e4mpfer f\u00fcr eine bestimmte \u00dcberzeugung \u2013 so sieht er sich selbst und so wird er auch von den Mitglieder seiner politischen oder religi\u00f6sen Gruppierung gesehen.<\/p>\n<p>Der Sprengstoffattent\u00e4ter, der sich als Schiit in einer sunnitischen Moschee inmitten der Gl\u00e4ubigen in die Luft sprengt, versteht sich als M\u00e4rtyrer \u2013 genau so wie die christlichen M\u00e4rtyrer, die im Kampf gegen die Heiden den Tod fanden und heute in der katholischen Kirche als Heilige verehrt werden.<\/p>\n<p>Nun aber, da uns der islamistische Terror in unserem eigenen Land buchst\u00e4blich auf den Leib r\u00fcckt \u2013 siehe die m\u00f6rderischen Anschl\u00e4ge in Paris und Kopenhagen &#8211; bleiben uns verst\u00e4ndnisvolle Worte zu den K\u00e4mpfern fundamentalistischer religi\u00f6ser Gruppen im Halse stecken. Wir Kinder der Moderne f\u00fchlen uns von dem Terror vor unserer Haust\u00fcr existenziell bedroht.<\/p>\n<p>Wenn wir Angst haben m\u00fcssen, uns kritisch zur islamistischen Fundamentalisten und ihren M\u00e4rtyrern zu stellen \u2013 und sei es nur im Rahmen eines Karnevalzuges \u2013 dann sehen wir zu Recht rot und lehnen jedes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Motive derer ab, die uns mit dem Tode drohen, wenn wir uns nicht an ihre Regeln im Umgang mit Religion halten.<\/p>\n<p>Unser Verstand sagt uns zwar, dass die Glaubensk\u00e4mpfer, die sich im Irak und in Syrien grenz\u00fcberschreitend einen Islamischen Staat als Kalifat erobern wollen, ein Resultat des verbrecherischen Angriffskrieges der USA und ihrer europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten auf den Irak sind (siehe <a title=\"17.- Die Schutzverantwortung demokratischer Staaten\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=389\">Beitrag 17 <\/a>zur Demokratie). Er sagt uns auch, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn die im Irak von westlichen Streitkr\u00e4ften und nach deren Abzug von US-Marionetten mit Waffengewalt unterdr\u00fcckten Sunniten ihren \u201eVerteidigungskrieg\u201c nun auf die L\u00e4nder\u00a0 ihrer Feinde ausdehnen. Aber dieser Stimme will unser Gef\u00fchl nicht folgen. Wenn wir pers\u00f6nlich betroffen sind, k\u00f6nnen wir nicht mehr neutral und ausgewogen urteilen.<\/p>\n<p>In der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 7.\/8. Februar 2015 wird von dem jordanischen Karikaturisten Osama Hajjaj berichtet, der zu den bekanntesten Zeichnern der arabischen Welt z\u00e4hlt. Er hat viel beachtete \u201eZeichnungen des Widerstands\u201c geschaffen. Aber er muss Angst haben, wenn er in seinen Werken die politische Wirklichkeit mit seinem Zeichenstift \u201eaufspie\u00dft\u201c.<\/p>\n<p>Osama Hajjaj war 20 Jahr alt, als er (der heute 41 Jahre auf dem Buckel hat) zum ersten Mal wegen eines Witzes eingesperrt wurde, zusammen mit dem Chefredakteur der Wochenzeitung, die den Cartoon abgedruckt hatte. Im Gef\u00e4ngnis erlebte Hajjaj eine \u00dcberraschung: \u201eDie \u00fcbrigen Gefangenen hielten uns f\u00fcr Helden und hofften, dass wir, die Journalisten, drau\u00dfen ihre Geschichte erz\u00e4hlen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p>Ich denke mir: Wir sind keine Helden. Einer der Vorteile unserer Demokratie besteht darin, dass sie \u2013 anders als fr\u00fchere Gesellschaftsordnungen &#8211; nicht mehr nach Heroen verlangt. Es darf nicht sein, dass irgendeine Ideologie oder Religion oder eine dominante Auffassung uns in Angst versetzt. Keine Denk- oder Glaubensrichtung darf von uns verlangen k\u00f6nnen, dass wir sie nicht in Frage stellen. Kritik, auch bei\u00dfende Kritik, auch Spott und Satire muss m\u00f6glich sein. Und ob Spott und Kritik zu weit gegangen sind \u2013 also beleidigende Formen angenommen haben \u2013 das kann nur eine neutrale richterliche Instanz beurteilen und nicht die Vertreter der angegriffenen Denk- oder Glaubensrichtung.<\/p>\n<p>Im relativ liberal regierten Jordanien schl\u00e4gt die Justiz nur gelegentlich zu \u2013 und beruft sich dabei auf ein Pressegesetzt, das die \u201eVerletzung arabisch-islamischer Werte\u201c verbietet. Was unter diese \u201eWerte\u201c f\u00e4llt, ist nat\u00fcrlich Auslegungssache. Das sch\u00fcchtert ein und die Selbstzensur liegt nahe. Hajjaj sagt: \u201eMan wird vorsichtig.\u201c\u2026\u201eIch bin froh, dass ich auf Facebook nie Fotos von meiner Familie gepostet habe.\u201c<\/p>\n<p>Die Witze und Zeichnungen von Hajjaj stehen in einer Tradition mit den Werken europ\u00e4ischer Satiriker, beginnend mit den in der\u00a0 d\u00e4nischen Tageszeitung Jyllands-Posten 2005 ver\u00f6ffentlichten Mohammedkarikaturen, die in der islamischen Welt gro\u00dfe Wellen schlugen &#8211; und in Europa zu Todesdrohungen gegen den Karikaturisten f\u00fchrten. Auch schon der Schriftsteller Salman Rushdie musste sich vor religi\u00f6sen Fanatikern verstecken, die seinen respektlos-kritischen Umgang mit ihrer Religion nicht dulden wollten.\u00a0 Aktuell ist es der skandinavische K\u00fcnstler Lars Vilks, auf den in Kopenhagen ein Anschlag ver\u00fcbt wurde. Lars Vilks wird bereits seit Jahren bedroht, lebt seitdem unter Polizeischutz, wurde auch schon auf der B\u00fchne angegriffen, sein Haus wurde angez\u00fcndet. Auf seinen Kopf ist ein Preis ausgesetzt.<\/p>\n<p>Und das alles in einem Europa, das sich seit der Epoche der Aufkl\u00e4rung von der Herrschaft der (christlichen) Kirchen befreit hat. Es geht bei den Anschl\u00e4gen allerdings nicht um einen Kampf zwischen Aufkl\u00e4rung und fundamentalistischem Religionsverst\u00e4ndnis, sondern um rein kriminelle Akte, denen nicht mit weltanschaulichen Argumenten, sondern mit Polizei zu begegnen ist &#8211; nicht anders als im Kampf gegen die Drogenmafia.<\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen in Europa Menschen mit dem Tod bestraft wurden, die der herrschenden christlichen Lehre widersprachen, sind gl\u00fccklicherweise vor\u00fcber. Denn die christlichen Kirchen haben ihre Macht \u00fcber Tod und Leben ihrer Gl\u00e4ubigen und ihrer Dissidenten verloren. Wir wissen nicht, wie sie sich heute auff\u00fchren w\u00fcrden, wenn ihnen diese Macht nicht genommen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auch die staatlichen Machthaber haben sich inzwischen in den meisten L\u00e4ndern der Welt einer Rechtsordnung untergeordnet, wenn diese Rechtsordnung meist auch recht dehnbar ist <a title=\"17.- Die Schutzverantwortung demokratischer Staaten\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=389\">(Beitrag 17)<\/a>.<\/p>\n<p>In der politisch aktiven Zivilgesellschaft (<a title=\"16.- Kritische Zivilgesellschaft\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=376\">Beitrag 16<\/a>) sind auf mehr oder weniger friedlichem Niveau noch heftige Auseinandersetzungen zwischen &#8222;rechten&#8220; und &#8222;linken&#8220; Gruppierungen an der Tagesordnung &#8211; und die Extreme schaukeln sich in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung gegenseitig hoch. Wie weit kann hier Duldung gehen?<\/p>\n<p>Wie wichtig der kritischen Zivilgesellschaft die im besten Sinn verstandene Toleranz ist, erweist sich in Situationen, in denen es um ge\u00e4u\u00dferte \u00dcberzeugungen und Positionen geht, die den meisten von uns total gegen den Strich gehen \u2013 zum Beispiel im Umgang mit den Pegida-Demonstrationen in Dresden. So lange eine Gruppierung nicht verboten wurde, ihr also nicht nachzuweisen ist, dass sie den Boden unseres Grundgesetzes verlassen hat, so lange m\u00fcssen ihre Meinungs- und Willensbekundungen ertragen werden. Wer solche Meinungs\u00e4u\u00dferungen mit Parolen verteufelt, der hat nicht verstanden, was die aufgekl\u00e4rte Forderung nach Respekt gegen\u00fcber Menschen anderen Glaubens und anderer politischer \u00dcberzeugung bedeutet.<\/p>\n<p>Pegida-Demonstranten und andere von &#8222;Linken&#8220; als &#8222;Rechte&#8220; eingestufte Gruppierungen d\u00fcrfen zum Beispiel nicht von Gegendemonstranten am Weitergehen gehindert werden mit dem Argument: \u201eEure Meinung ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen\u201c.<\/p>\n<p>Ich meine die, die davon \u00fcberzeugt sind, die H\u00fcter der Demokratie zu sein nach dem Motto: \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c und sich dabei auf die zu weit gehende Toleranz in der Weimarer Republik gegen die aufkommende Nazibewegung berufen. Aber dieser Vergleich ist als Begr\u00fcndung unzul\u00e4ssig, weil er historisch so nicht stimmt. Wer willk\u00fcrlich die Definitionsmacht \u00fcber das beansprucht, was &#8222;rechtspopulistisch&#8220; und &#8222;fremdenfeindlich&#8220; ist, der unterdr\u00fcckt Meinungsvielfalt und dr\u00fcckt sich vor unbequemen Diskussionen.<\/p>\n<p>Es gibt Widerstandsformen gegen als &#8222;rechts&#8220; oder &#8222;ausl\u00e4nderfeindlich&#8220; empfundene Tendenzen in der \u00f6ffentlichen Meinung, die mit unserer Demokratie vereinbar sind: zum Beispiel &#8211; wie gehabt &#8211; eigenst\u00e4ndige Demonstrationsz\u00fcge, die mit den teilnehmenden Menschenmengen \u00f6ffentlich bekundete Meinungs\u00e4u\u00dferung zum Ausdruck bringen und zeigen, wo die \u201eMehrheit der Vern\u00fcnftigen\u201c steht.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum sch\u00e4tzen wir die Anonymit\u00e4t so sehr? Wir verstecken uns gern hinter einer Maske \u2013 nicht nur im Fasching, sondern (im \u00fcbertragenen Sinn) auch in unserem Alltag. Ich denke, das hat viel mit unserer Verletzlichkeit zu tun. 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