{"id":376,"date":"2015-02-07T17:32:30","date_gmt":"2015-02-07T17:32:30","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=376"},"modified":"2015-12-26T21:30:58","modified_gmt":"2015-12-26T21:30:58","slug":"16-die-kritische-zivilgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=376","title":{"rendered":"Kritische Zivilgesellschaft (Dem. 16)"},"content":{"rendered":"<p>Die Gruppen und Netzwerke der kritischen Zivilgesellschaft (BUND, Attac \u2026) unterscheiden sich zwar per Definition von Parteien, sollten sich jedoch nicht als deren Gegner verstehen. <strong>Sie sind beide Teile der gesellschaftlichen Elite.<\/strong> Beide Auspr\u00e4gungen des politischen Engagements nehmen Einfluss auf den Prozess der politischen Meinungsbildung. Ich will mich hier mit der Rolle und Funktion der zivilgesellschaftlichen Gruppen, die schon in mehreren Beitr\u00e4gen angesprochen worden sind, etwas n\u00e4her befassen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Gruppen, die innerhalb der gesellschaftlichen Elite ihren Einfluss im demokratischen Prozess des Aushandelns zur Geltung bringen und dabei das <strong>Wohl abgrenzbarer gesellschaftlicher Gruppen<\/strong> im Auge haben (wie Gewerkschaften, Wirtschaftsverb\u00e4nde und Kirchen) vertreten die Gruppen der Zivilgesellschaft nicht Partialinteressen (z.B. der Lohnempf\u00e4nger, der Unternehmer oder der Gl\u00e4ubigen), sondern Anliegen, die sich auf das <strong>Wohl der gesamten Gesellschaft<\/strong> beziehen. Dabei k\u00f6nnen sie sich auf eingegrenzte <strong>Themenfelder<\/strong> wie Umwelt, Gesundheit, Wirtschaft, Mobilit\u00e4t, Stadtentwicklung und andere Themen von allgemeinem Interesse beziehen.<\/p>\n<p>Ihre Interessen haben also <strong>einen altruistischen, auf das Ganze ausgerichteten Charakter.<\/strong> Sie richten sich auf Eigenschaften einer Gesellschaft, in dem Mensch gern lebt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wie wohlhabend er ist. Es geht um die <strong>Voraussetzung eines Lebens aller in W\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>Solche gesamtgesellschaftlichen Interessen sind insbesondere<br \/>\n<strong>\u2022 soziale Gerechtigkeit<\/strong>: faire Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, \u00dcberwindung einer \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Kluft zwischen Arm und Reich.<br \/>\n<strong>\u2022 Vollbesch\u00e4ftigung:<\/strong> Arbeit f\u00fcr alle bei hinreichendem Einkommen zur Sicherung der Freiheit, die von materiellen Voraussetzungen abh\u00e4ngt.<br \/>\n<strong>\u2022 Nachhaltigkeit<\/strong> des Wirtschaftens und des Verbrauchs: Zukunftsf\u00e4higkeit der Gesellschaft, Schonung der nicht erneuerbaren Ressourcen, Kampf gegen den Klimawandel, Schutz der Umweltg\u00fcter, Nutzung erneuerbarer Energiequellen\u2026<br \/>\n<strong>\u2022 Frieden:<\/strong> Vermeidung von Kriegen zwischen Staaten und von B\u00fcrgerkriegen, F\u00f6rderung friedlicher Formen des Austragens von Konflikten.<br \/>\n<strong>\u2022 Achtung der Menschenrechte<\/strong>: zum Beispiel Schutz von Minderheiten, Respekt von dem Fremden, Hilfe f\u00fcr in Not geratene Menschen.<\/p>\n<p>Zu all diesen Anliegen\/ Zielen gibt es Gruppen, die sich im Zusammenhang mit thematischen Schwerpunkten auf die eine oder andere Weise daf\u00fcr einsetzen. Ihre Gr\u00f6\u00dfe ist sehr unterschiedlich. Je gr\u00f6\u00dfer die Zahl der Mitglieder, desto gr\u00f6\u00dfer das politische Gewicht ihrer Interventionen. Aber die Gr\u00f6\u00dfe ist nicht alles. Es kommt auch auf die <strong>\u00dcberzeugungskraft der Argumente<\/strong> an.<\/p>\n<p>Mit Kampagnen, Demonstrationen, Petitionen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Unterschriftensammlungen und anderen Aktionen versuchen die zivilgesellschaftlichen Gruppen, die Aufmerksamkeit in der Bev\u00f6lkerung auf eine bestimmte Problematik zu lenken, die aus ihrer Sicht von der Politik zu l\u00f6sen ist. Die Gruppen <strong>werben dabei um Zustimmung<\/strong> zur eigenen Position bei m\u00f6glichst vielen B\u00fcrgern.<\/p>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer die Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Sichtweise einer Gruppe, desto h\u00f6her die Wahrscheinlichkeit, dass die vorgebrachten <strong>Argumente innerhalb der politischen Elite<\/strong> wahrgenommen werden. Denn nur innerhalb dieser Elite findet die eigentliche Auseinandersetzung \u00fcber die zur Diskussion stehenden Fragen und alternativen Handlungsm\u00f6glichkeiten statt (siehe die <a title=\"7.- Das Dilemma der Demokratie und seine \u201cL\u00f6sung\u201d\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=44\">Beitr\u00e4ge 7 <\/a>\u00a0 <a title=\"14.- Ist Lobbyismus ein Problem?\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=333\">und 14)<\/a>.<\/p>\n<p>Ich halte es daher f\u00fcr einen Irrtum, wenn von altruistischen Zielen motivierte Gruppen meinen, mit ihren Aktionen w\u00fcrden sie \u201edie Mehrheit der Gesellschaft\u201c vertreten \u2013 wie in einer <strong>fiktiven \u201edirekten Demokratie<\/strong>\u201c, in der nur \u201egute Menschen\u201c (ohne b\u00f6se Hintergedanken oder unrealistische Tr\u00e4umereien) miteinander verhandeln. Da unterliegen sie einer <strong>Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung<\/strong>. Denn allein die Tatsache, dass ihr Anliegen im Interesse aller Menschen liegt, sagt noch nichts dar\u00fcber aus, ob sich ihre speziellen Forderungen (und entsprechenden Argumente) in der Auseinandersetzung mit anderen (eher auf partielle Interessen ausgerichteten) Gruppen durchsetzen. Sie k\u00f6nnen auch untergehen \u2013 und tun es sehr h\u00e4ufig. <strong>Demokratie ist keine Garantie f\u00fcr die vern\u00fcnftigsten und moralisch besten L\u00f6sungen.<\/strong><\/p>\n<p>In der Demokratie spiegelt sich vielmehr wider, welcher Grad an <strong>Vernunft<\/strong> und welches <strong>moralische Niveau<\/strong> die politische Elite insgesamt charakterisiert (die politische Elite wiederum spiegelt die in der Gesellschaft herrschende Verfasstheit von Vernunft und Moral wider). Nur wenn Vernunft und Moral in der Elite einen hohen Stellenwert besitzen, werden sich die Interessen des Gemeinwohls durchsetzen gegen\u00fcber Partialinteressen, die sich beim Verfolgen ihrer Ziele zu Unrecht auf das Gemeinwohl berufen. F\u00fcr Vernunft und Moral gibt es keinen objektiven Ma\u00dfstab. Auch das Gemeinwohl l\u00e4sst sich nicht objektiv bestimmen. Daher ist die offen gef\u00fchrte Debatte so wichtig.<\/p>\n<p>Die Demokratie geht von einem <strong>optimistischen Menschenbild<\/strong> aus. Der \u00fcberzeugte Demokrat g<strong>laubt an die<\/strong> M\u00f6glichkeiten der menschlichen <strong>Vernunft<\/strong> und an die grunds\u00e4tzliche Bereitschaft der meisten Menschen, sich <strong>moralisch korrekt<\/strong> zu verhalten. Er wei\u00df jedoch auch, dass Vernunft und Moral durch den starken <strong>Drang zu eigenn\u00fctzigem Verhalten<\/strong> \u00fcberlagert und geschw\u00e4cht werden. Gute Motive finden in der \u00d6ffentlichkeit zwar leicht Zustimmung, jedoch zeigt die Erfahrung, dass Menschen ihre wahren Motive nicht gern offen aussprechen, wenn sie eigenn\u00fctzig sind.<\/p>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass gut begr\u00fcndete Argumente ihre \u00dcberzeugungskraft nur dann voll entfalten, wenn sie \u00f6ffentlich zu Diskussion gestellt werden. Schlecht begr\u00fcndete Argumente, die zum Beispiel von m\u00e4chtigen Interessengruppen vorgetragen werden, wirken dagegen am besten hinter verschlossenen T\u00fcren. Diese Erfahrung spricht f\u00fcr die gro\u00dfe Bedeutung von <strong>Transparenz in der politischen Debatte<\/strong>.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gruppen und Netzwerke der kritischen Zivilgesellschaft (BUND, Attac \u2026) unterscheiden sich zwar per Definition von Parteien, sollten sich jedoch nicht als deren Gegner verstehen. Sie sind beide Teile der gesellschaftlichen Elite. 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