{"id":31,"date":"2015-01-25T18:08:45","date_gmt":"2015-01-25T18:08:45","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=31"},"modified":"2015-12-24T23:51:48","modified_gmt":"2015-12-24T23:51:48","slug":"erkenntnisgewinn-fuer-unser-demokratieverstaendnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=31","title":{"rendered":"Erkenntnisgewinn f\u00fcr unser Demokratieverst\u00e4ndnis (Dem. 4)"},"content":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber das (instrumentelle) Wissen verf\u00fcgt, das f\u00fcr seine berufliche und soziale Kompetenz &#8211; fachliches know-how, Gespr\u00e4chsstoff im Privatleben &#8211; ausreicht, gilt als ein Mensch, der sein Leben im Griff hat. Er kann mit Anerkennung durch seine Mitmenschen rechnen. Was er sonst noch wei\u00df und denkt, bleibt bei oberfl\u00e4chlichem Kontakt seinen Mitmenschen verborgen.<\/p>\n<p>Wenn diese Person nicht oder kaum \u00fcber (zweckfreies) \u201eOrientierungswissen\u201c verf\u00fcgt, hat sie ein sehr vereinfachtes Bild von der Wirklichkeit im Kopf. Sie z\u00e4hlt zu den unauff\u00e4lligen B\u00fcrgern, die alle von ihnen verlangten Bef\u00e4higungen aufweisen, die sich jedoch keine vertieften Kenntnisse \u00fcber Wissensgebiete verschaffen, die \u00fcber den Horizont praktischer Lebensbew\u00e4ltigung hinausreichen. Sobald von ihr verlangt wird, sich eine relativ fundierte (argumentativ vertretbare) Meinung \u00fcber komplexe Sachverhalte und Fragen zu bilden, ist sie v\u00f6llig \u00fcberfordert, weil sie sich nicht daf\u00fcr interessiert. Weil sie nicht \u00fcber die f\u00fcr die jeweilige politische oder kulturelle Debatte relevanten Informationen verf\u00fcgt, ist diese Person anf\u00e4llig f\u00fcr Ger\u00fcchte, l\u00e4sst sich leicht von Verschw\u00f6rungstheorien \u00e4ngstigen, pflegt Vorurteile und macht sich \u00fcber umstrittene Problemfelder wirre Gedanken, die nie oder nur am Stammtisch ausgesprochen werden.<\/p>\n<p><strong>Ich denke hier an die Gefahr, die einem demokratischen Gemeinwesen droht, wenn sich ein sehr gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung oder gar die Mehrheit mit instrumentellem Wissen begn\u00fcgt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Idee von Demokratie geht vom m\u00fcndigen B\u00fcrger aus, der in der Lage ist, Fragen des allgemeinen Wohls kompetent zu er\u00f6rtern und fair zu beantworten.<\/strong> In einem Dorf, wo jeder jeden kennt, sind die demokratisch zu entscheidenden Fragen von sehr geringer Komplexit\u00e4t. Sie sind allein mit instrumentellem Wissen zu beantworten \u2013 ganz ohne Orientierungswissen, allein mit dem &#8222;gesunden Menschenverstand&#8220;. Denn wenn in diesem Gemeinwesen eine Ma\u00dfnahme zu beschlie\u00dfen ist, kann leicht erkannt werden, wer mit welchen Interessen davon positiv und negativ betroffen ist, welche Hindernisse absehbar sind und wie diese \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen bis hin zu unvermeidlichen Nebenwirkungen, mit denen zu rechnen ist. Der Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen liegt hier ohne komplizierte Ver\u00e4stelungen auf der Hand.<\/p>\n<p>Das ist jedoch grundlegend anders <strong>in einem gro\u00dfen und komplexen Gemeinwesen<\/strong> wie einer Nation, in der sich sehr viele unterschiedliche Interessen und Vorstellungen begegnen, teilweise in Konflikt zueinander stehen und unter einen Hut zu bringen sind. Die unter diesen Randbedingungen <strong>anstehenden Entscheidungsprozesse sind schwer durchschaubar<\/strong> und setzen bei einer Person, die sich dar\u00fcber eine Meinung bilden will, eine Menge Orientierungswissen voraus.<\/p>\n<p><strong>Ein Beispiel<\/strong>. Wenn Gruppierungen wie die Dresdner Pegida massiv ihr Misstrauen gegen\u00fcber der praktizierten Demokratie bekunden, indem sie sich als \u201eStimme des Volkes\u201c verstehen und sowohl den Medien und als auch den gew\u00e4hlten Politikern pauschal vorwerfen, die &#8222;Meinung des Volkes&#8220; zu verf\u00e4lschen, dann kann das als ein Aufstand von B\u00fcrgern gedeutet werden, die \u00fcberwiegend nur \u00fcber instrumentelles Wissen verf\u00fcgen. Sie f\u00fchlen sich von der Komplexit\u00e4t des modernen Staates \u00fcberfordert, sind durch gezielte Desinformationen zu erschrecken und fallen in ihren \u00c4ngsten leicht auf Feindbilder wie den Islam und die Muslime herein.<\/p>\n<p>Die GEGENdemonstranten sind im Idealfall B\u00fcrger, die \u00fcber hinreichendes Orientierungswissen verf\u00fcgen, um sich von selbsternannten \u201eExperten\u201c und Spr\u00fccheklopfern nicht ins Boxhorn jagen zu lassen. Sie verstehen die Funktionsbedingungen demokratischer Institutionen und Verfahren, lassen sich trotz der schwierigen Durchschaubarkeit nicht davon abbringen, die Entscheidungen zu komplexen Themen kritisch zu hinterfragen, und sind von ihrem Informationshintergrund und ihrer moralischen Haltung her in der Lage und bereit, ihre sorgf\u00e4ltig bedachten Meinungen mit Argumenten zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Sicherlich ist aufgefallen, dass ich im letzten Absatz demokratisch gesonnene <strong>Idealb\u00fcrger<\/strong> im Auge hatte. Menschen, die diesem Idealbild nahe kommen, sind eher selten. Die meisten Demonstranten gegen Pegida sind wohl eher Menschen mit hohen moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben und mit entsprechender Abneigung gegen Fremdenhass. Sie folgen einem Gef\u00fchl der Emp\u00f6rung gegen Feindbilder und demagogische Schlagworte. Sie k\u00f6nnen, m\u00fcssen aber nicht zu denen geh\u00f6ren, die sich zu den kontroversen Themen der aktuellen Politik umfassend informiert und dar\u00fcber differenziert nachgedacht haben. Vielleicht laufen manche von ihnen auch blo\u00df eing\u00e4ngigen Parolen nach &#8211; nur eben anderen.<\/p>\n<p>Der aufgezeigte Gedankengang und das Beispiel der Demonstrationen f\u00fcr und gegen Pegida legt folgenden Schluss nahe: Wenn es stimmt, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung entweder nur \u00fcber instrumentelles Wissen verf\u00fcgt und dar\u00fcber hinaus nur \u00fcber ein eingeschr\u00e4nktes Orientierungswissen \u2013 eingeschr\u00e4nkt insofern, als sich ihr Wissen auf so manche Themenfelder, nicht jedoch auf politisch relevante Informationen bezieht \u2013 dann verf\u00fcgen diese politisch uninteressierten und wenig informierten B\u00fcrger nicht \u00fcber die erforderliche Kompetenz, um hoch komplexe demokratische Entscheidungsprozesse verstehen, begleiten und verantwortungsvoll darauf reagieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchre hier also in meine \u00dcberlegungen eine neue Gruppe von Menschen ein. <strong>Ich nenne sie die politisch Uninteressierten und Unwissenden.<\/strong> Unabh\u00e4ngig vom Grad ihrer Informiertheit \u00fcber sonstige Themen ist diese Gruppe gekennzeichnet durch mangelndes Interesse und entsprechend mangelndes Wissen im Hinblick auf Fragen der Politik. Sie haben keine Ahnung von den relevanten Fakten zum Beispiel des Bildungs- und des Gesundheitswesens, der Infrastrukturplanung, der Umwelt- und Sozialpolitik, der Wirtschaftsentwicklung und anderer Politikbereiche. <strong>Ich vermute, dass diese Gruppe die gro\u00dfe Mehrheit stellt<\/strong> \u2013 auch wenn diese Vermutung dem Anschein widerspricht, den die anspruchsvollen Medien erwecken, indem sie so ausf\u00fchrlich \u00fcber politische Debatten und Entscheidungen berichten.<\/p>\n<p>Meine Vermutung von der unpolitischen Mehrheit wird gest\u00fctzt nicht nur durch die geringe Wahlbeteiligung, sondern mehr noch durch die Gr\u00fcnde, warum sich die W\u00e4hler f\u00fcr oder gegen eine Person oder eine Partei entscheiden. Befragungen habe ergeben, welche oberfl\u00e4chlichen und wenig reflektierten Motive den Hintergrund f\u00fcr die Stimmabgabe der meisten B\u00fcrger bilden &#8211; <strong>Stichwort &#8222;Stimmungsdemokratie&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Welche Folgen f\u00fcr die Demokratie die (in meinen Augen feststehende) Tatsache hat, dass die Mehrheit sowohl der Nichtw\u00e4hler als auch der W\u00e4hler zur Gruppe der politisch kaum interessierten und informierten B\u00fcrger geh\u00f6rt, will ich im n\u00e4chsten Beitrag er\u00f6rtern: &#8222;Der unpolitische und der politisch engagierte B\u00fcrger&#8220;.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber das (instrumentelle) Wissen verf\u00fcgt, das f\u00fcr seine berufliche und soziale Kompetenz &#8211; fachliches know-how, Gespr\u00e4chsstoff im Privatleben &#8211; ausreicht, gilt als ein Mensch, der sein Leben im Griff hat. 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