{"id":259,"date":"2015-02-02T06:25:33","date_gmt":"2015-02-02T06:25:33","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259"},"modified":"2015-12-26T22:10:02","modified_gmt":"2015-12-26T22:10:02","slug":"2-soziale-angst-und-anpassung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=259","title":{"rendered":"2.- Soziale Angst und Anpassung"},"content":{"rendered":"<p>Jeder von uns hat in seinem Leben viel Angst. Ich denke jetzt nicht an die Angst vor Spinnen oder Schlangen, vor einem Verkehrsunfall, einer schweren Krankheit bei entsprechenden Symptomen (etwa vor Krebst, Depression, Demenz), vor einem \u00dcberfall auf dunkler Stra\u00dfe oder vor einem drohenden Krieg, sondern an eine ganz bestimmte Angst, die ich \u201esoziale Angst\u201c nenne. Das ist die Angst, nicht mehr dazu zu geh\u00f6ren, ausgeschlossen zu werden aus einer Gemeinschaft, ausgelacht zu werden, als bl\u00f6d zu gelten, unangenehm aufzufallen.<\/p>\n<p>Ich meine hier also nicht eine \u00fcbertriebene soziale Angst im Sinne einer krankhaften Phobie, sondern <strong>die ganz normale \u201esoziale Angst\u201c, die jeder hat.<\/strong> Wer sie nicht hat, ist kein Mensch, behaupte ich mal. Es kommt nat\u00fcrlich darauf an, wie heftig diese Angst uns zusetzt und ob es uns gelingt, diese\u00a0 immer gegenw\u00e4rtige Angst irgendwie in den Griff zu bekommen, damit f\u00fcr unsere Individualit\u00e4t noch genug Luft bleibt.<\/p>\n<p><strong>Um unsere soziale Angst zu mindern, passen wir uns an das an, was von uns erwartet wird. Oder wir verstecken uns hinter einer Maske<\/strong> vor unseren Freunden, Bekannten und Kollegen. Anpassung und Unaufrichtigkeit trennen uns von dem, wie wir eigentlich sind. Weil diese Verhaltensweisen unser Selbstbild von einer eigenst\u00e4ndigen Person verletzen \u2013 und das tut unserer Seele weh \u2013 verleugnen wir diese Schw\u00e4chen oft auch vor uns selbst.<\/p>\n<p>Ich will der aufgeworfenen Frage nachgehen:<strong> Warum f\u00e4llt uns unangepasstes Verhalten schwer?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere pers\u00f6nliche Sozialisation ist eine Geschichte der Anpassung an das, was uns als Kinder pr\u00e4gt. Als Kinder \u00fcbernehmen wir zun\u00e4chst kritiklos die Normen und Verhaltensweisen, die wir bei denen beobachten, die uns nahe stehen und f\u00fcr uns Autorit\u00e4ten sind. Erst in sp\u00e4teren Jahren, beginnend mit der Pubert\u00e4t, entwickeln wir mehr oder weniger unsere Eigenst\u00e4ndigkeit und ein individuelles Selbstbild. Woran orientieren wir uns dabei?<\/p>\n<p>Es gibt, so meine ich, ein <strong>Grundbed\u00fcrfnis<\/strong>, das ganz allgemein den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf unser Denken, F\u00fchlen und Verhalten aus\u00fcbt und immer eine Rolle spielt, wenn es um die Frage geht: wollen wir uns an eine Erwartung anpassen, einem auf uns ausge\u00fcbten Druck nachgeben oder nicht? Mit diesem grundlegenden Bed\u00fcrfnis meine ich <strong>unser elementares Verlangen nach Anerkennung in der Gemeinschaft, in der wir leben.<\/strong><\/p>\n<p>Dieses elementare Bed\u00fcrfnis ist <strong>stammesgeschichtlich verankert<\/strong>. Wir Menschen sind ein Gruppen- und Gemeinschaftswesen, wie es z.B. auch die W\u00f6lfe und Schafe sind. Au\u00dferhalb des Rudels oder der Herde ist ein bisher zu dieser \u201eGemeinschaft\u201c geh\u00f6riges Tier schutzlos t\u00f6dlichen Gefahren ausgeliefert. In jedem von uns steckt \u2013 mehr oder weniger bewusst \u2013 eine tiefe Angst davor, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.<\/p>\n<p>Diese Angst steht in einem <strong>Spannungsverh\u00e4ltnis<\/strong> zu unserem mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten Wunsch, ein von anderen Menschen <strong>unterscheidbares Individuum<\/strong> zu sein: eigenst\u00e4ndig, dem eigenen Wollen folgend, das eigene Leben unabh\u00e4ngig gestaltend, dem Gruppendruck widerstehend.<\/p>\n<p>Wir wissen: Wer in der Gemeinschaft anerkannt ist, wird aus ihr nicht ausgeschlossen. Wir suchen und finden diese<strong> Anerkennung, indem wir die Normen erf\u00fcllen, die in der Gruppe gelten<\/strong>. Verletzen wie den Gruppenkonsens, dann f\u00fcrchten wir instinktiv und mehr oder weniger unbewusst, dass wir aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Ein solcher Ausschluss reicht in der Geschichte bis hin zu gerichtlicher Verurteilung, Ausweisung aus der Heimat, Verfolgung, Gef\u00e4ngnis und Todesdrohung.<\/p>\n<p>So weit geht es bei uns nicht. Aber jeder von uns leidet darunter, wenn er merkt, nicht mehr \u201edazu zu geh\u00f6ren\u201c. Wir wollen nicht, dass man hinter vorgehaltener Hand schlecht \u00fcber uns redet. Wir f\u00fcrchten, von den Menschen \u201eunserer\u201c Gruppe abgelehnt und missachtet zu werden. Das reicht von der kleinen, \u00fcberschaubaren Gemeinschaft, deren Mitglieder wir pers\u00f6nlich kennen (Freundes- und Bekanntenkreis, Arbeitskollegen, Verein\u2026) \u00fcber gro\u00dfe weitgehend anonyme Gemeinschaften (Interessen- oder Berufsgemeinschaft, politische oder weltanschauliche Gruppierung) bis hin zum allgemeinen Mainstream. Was \u201eman\u201c denkt, was \u201eman\u201c f\u00fcr angesagt oder verwerflich h\u00e4lt, ist uns keineswegs gleichg\u00fcltig. Prominente, die etwas Ungew\u00f6hnliches gesagt oder getan haben, wollen im Internet nicht in einen \u201eshitstorm\u201c geraten.<\/p>\n<p>Da wir in der <strong>modernen \u201eoffenen Gesellschaft\u201c<\/strong> nicht alle den gleichen Normen unterworfen sind, <strong>orientieren wir uns vor allem an \u201eunserer Gruppe\u201c<\/strong>, passen uns also daran an, wie \u201eman\u201c sich dort kleidet, wie man sich dort sprachlich ausdr\u00fcckt, welche Manieren dort angesagt sind, was dort als \u201eguter Geschmack\u201c gilt. Dabei kann unsere Konformit\u00e4t mit einer bestimmten Gruppe durchaus im Widerspruch stehen zur Konformit\u00e4t mit einer anderen Gruppe, zu der wir ebenfalls geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ganz allgemein w\u00fcrde ich sagen: Wir wollen keinen Ansto\u00df erregen bei Menschen, an deren Urteil uns etwas liegt. Wir leiden darunter, wenn unser Verhalten missbilligt wird, wollen nicht verspottet, ausgelacht oder gar verachtet werden. Wir f\u00fcrchten uns davor, dass \u201eman\u201c sich von uns als Person distanziert \u2013 und diese Furcht ist umso gr\u00f6\u00dfer, je mehr uns die Gemeinschaft bedeutet, der wir uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus den reichen Industriel\u00e4ndern: <strong>Wer arbeitslos wird<\/strong> und in Armut ger\u00e4t, der hat nicht nur das Problem, dass er sich nun materiell einschr\u00e4nken muss, sondern <strong>sein Problem ist der \u201esoziale Abstieg\u201c<\/strong>: er kann sich nicht mehr den in seinem Bekanntenkreis g\u00e4ngigen Lebensstil leisten, f\u00fcrchtet,\u00a0 in seinem pers\u00f6nlichen Umfeld nicht mehr so wie fr\u00fcher respektiert oder sogar offen abgelehnt zu werden, f\u00fcrchtet, als Versager zu gelten. Nebenbemerkung: Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich vom Umfeld ab. Wer in einem Land oder Stadtteil lebt, wo Arbeitslosigkeit und Armut sehr stark verbreitet (\u201enormal\u201c) sind, der hat das Problem der sozialen Ausgrenzung weniger, sondern \u201enur\u201c das Problem des Mangels an Dingen, die f\u00fcr ihn wichtig sind aber Geld kosten, das er nicht mehr hat.<\/p>\n<p><strong>Anpassung kann auch positiv sein.<\/strong><\/p>\n<p>Die Tatsache, dass wir in so starkem Ma\u00dfe auf Anerkennung angewiesen sind, ist nicht nur der wichtigste Grund daf\u00fcr, dass uns, die wir auf Eigenst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit viel Wert legen, unangepasstes Verhalten so schwer f\u00e4llt. Diese Tatsache hat auch eine Seite, in der wir Anpassung als etwas Positives sehen: die Wichtigkeit von Anpassung.<\/p>\n<p>Diese Anpassung lernen wir im Laufe unserer Sozialisation. Je schw\u00e4cher wir sind, desto lebenswichtiger ist f\u00fcr uns die F\u00e4higkeit zur Anpassung. Das hilflose Kind hat keine andere Wahl, als sich den Anspr\u00fcchen seiner Bezugspersonen anzupassen. Je \u00e4lter wir werden und je mehr wir materiell \u201eauf eigenen Beinen\u201c stehen, desto unabh\u00e4ngiger werden wir von den Anspr\u00fcchen und Forderungen anderer Menschen.<\/p>\n<p>Das Kind hat trotz seiner Abh\u00e4ngigkeit eine ausgepr\u00e4gte Vorstellung von dem, was es will. Es will ein bestimmtes Spielzeug, es will nicht aufr\u00e4umen. Es will oft nicht das tun, was die Eltern von ihm verlangen. Es schreit und weint, wenn ihm bestimmte Bed\u00fcrfnisse nicht gew\u00e4hrt werden. Dabei folgt es seinen spontanen Eingebungen. Es ist nicht in der Lage, seine W\u00fcnsche zu reflektieren. Aber es lernt allm\u00e4hlich, sich den Widerst\u00e4nden anzupassen. Es muss sich dem Willen der Eltern f\u00fcgen, wenn diese darauf bestehen.<\/p>\n<p>Durch den Zusammensto\u00df mit widerst\u00e4ndigen Realit\u00e4ten entsteht nach und nach<strong> Realit\u00e4tsbewusstsein.<\/strong> Das Kind und sp\u00e4ter der Pubertierende und schlie\u00dflich der junge, von den Eltern noch abh\u00e4ngige Mensch entwickelt in der Auseinandersetzung mit der Realit\u00e4t ein Bild von sich &#8211; empfindet sich als Individuum mit dem Anspruch auf Eigenst\u00e4ndigkeit. In diesem Prozess verortet sich der Mensch in seiner Welt: Er findet sich, seine Bedeutung, seine Sicht auf die Welt und die Rollen, die er in ihr spielt und spielen will. Mit zunehmendem Alter verfestigt sich sein Selbstbild \u2013 und er muss in vielen Situationen entscheiden, ob und wie weit er es gegen Widerst\u00e4nde verteidigen oder sich anpassen will.<\/p>\n<p><strong>Die Anpassung geht also der Nicht-Anpassung voraus.<\/strong> Erst wenn der Mensch gelernt hat, sich anzupassen, wenn er \u201eseinen Platz\u201c gefunden hat, kann er bewusst und reflektiert zu einem unangepassten Verhalten finden. Wenn wir vom \u201eeigentlichen Wollen\u201c einer Person sprechen, dann meinen wir also nicht das sture und eigensinnige Festhalten an einem beliebigen hei\u00df gehegten Wunsch (wie es ein Kind tut), sondern dann geht es um Grundstrukturen unseres Selbstbildes \u2013 um das, was uns als Individuum vor uns selbst und vor unseren Mitmenschen erkennbar macht.<\/p>\n<p><strong>Steben nach h\u00f6herem Status<\/strong><\/p>\n<p>Unser elementares Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung hat noch eine weitere Seite: die gro\u00dfe Bedeutung, die wir in unserem Selbstbild dem erreichten Status beimessen. Denn blo\u00dfe Anerkennung als \u201enormales Glied der Gemeinschaft\u201c reicht uns (leider) oft nicht. Wir wollen nicht nur Anerkennung, um aus der Gruppe nicht ausgeschlossen zu werden, sondern wir versuchen meist auch, in der Gruppe einen h\u00f6heren Status zu erreichen. Wir gewinnen solche zus\u00e4tzliche Anerkennung, indem wir etwas sagen oder tun, das im Rahmen der anerkannten Normen als besondere Leistung gilt. Wir \u201esteigen auf\u201c in der Hierarchie, die in jeder Gruppe mehr oder weniger explizit besteht.<\/p>\n<p><strong>Das Status-Motiv ist der Hauptmotor unseres Strebens nach Ruhm, Reichtum und Macht.<\/strong> Der Feldherr eines S\u00f6ldnerheeres will die Schlacht gewinnen, weil das seinen Ruhm begr\u00fcnden oder mehren kann. Der Unternehmer misst seinen Erfolg am erwirtschafteten Reichtum, weil in der Gesellschaft die Wertsch\u00e4tzung seiner Mitglieder in hohem Ma\u00dfe vom Umfang des Eigentums abh\u00e4ngt. In der Gruppe der Gleichgesinnten gewinnt der erfolgreiche Verbrecher, der nicht ertappt wurde, einen deutlich h\u00f6heren Status als der Kleinkriminelle, der im Gef\u00e4ngnis gelandet ist.<\/p>\n<p>Im <a title=\"9.- Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=541\">Beitrag 9<\/a> und <a title=\"15.- Wer bin ich?\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=640\">Beitrag 15<\/a> sind weitere Gedanken zu diesem Thema ausgef\u00fchrt.\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder von uns hat in seinem Leben viel Angst. 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