{"id":25,"date":"2015-01-25T00:44:56","date_gmt":"2015-01-25T00:44:56","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=25"},"modified":"2015-12-24T23:50:13","modified_gmt":"2015-12-24T23:50:13","slug":"wozu-brauchen-wir-unser-wissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=25","title":{"rendered":"Wozu brauchen wir unser Wissen? (Dem. 3)"},"content":{"rendered":"<p>Allen Menschen gemeinsam ist das Bem\u00fchen, das eigene Leben zu bew\u00e4ltigen und zu gestalten. Jeder Mensch sieht sich also auf seinem Platz im Leben vor bestimmte z.B. famili\u00e4re und berufliche Aufgaben gestellt und geht seinen speziellen Feizeitneigungen nach. Und auf diese Aufgaben und Neigungen \u2013 auf diesen sehr eingeschr\u00e4nkten Erfahrungsraum &#8211; beziehen sich seine Interessen an Informationen. <strong>Die meisten Menschen brauchen und wollen\u00a0 nur wissen, was ihnen f\u00fcr ihr praktisches Leben n\u00fctzlich ist \u2013 ein Wissen also, das f\u00fcr Zwecke der Lebensgestaltung instrumentalisiert werden kann.<\/strong> Das gilt f\u00fcr den hoch spezialisierten Wissenschaftler ebenso wie f\u00fcr den ungelernten Besch\u00e4ftigten, der f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit nur ein recht \u00fcberschaubares Wissen braucht. Der BILD-Leser, der sich eine halbe Stunde am Tag die Zeit nimmt, Informationen aufzunehmen, die \u00fcber seine pers\u00f6nlichen und beruflichen Angelegenheiten hinausreichen, gleicht in dieser Hinsicht dem Uni-Professor, der seinen Lesestoff \u00fcberwiegend auf Fachliteratur beschr\u00e4nkt und am Abend auch noch die S\u00fcddeutsche Zeitung durchbl\u00e4ttert, um sich \u00fcber seinen fachlichen und pers\u00f6nlichen Tellerrand hinaus oberfl\u00e4chlich zu informieren. Um die f\u00fcr sie wichtige fachliche und soziale Kompetenz zu erlangen und zu behalten, ben\u00f6tigen diese Menschen das daf\u00fcr notwendige (also f\u00fcr sie spezielle) Wissen. Dieses gibt ihnen zwar Sicherheit, weil sie ihr Leben damit auf die Reihe bekommen und bei ihren Mitmenschen ernst genommen werden. Es tr\u00e4gt jedoch kaum dazu bei, dass sie sich als Kollegen oder als Aus\u00fcbende einer speziellen Freizeitbet\u00e4tigung\u00fcber \u00fcber ihre jeweilige Gruppenzugeh\u00f6rigkeit hinweg verstehen.<\/p>\n<p><strong>Dieses instrumentelle (lebenspraktische) Wissen ist zu unterscheiden von einem Wissen, dessen Funktion \u00fcber die N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Lebensgestaltung hinausgeht. Ich nenne es Orientierungswissen.<\/strong> F\u00fcr dieses Wissen sind vor allem intellektuell und kulturell aufgeschlossene Menschen offen. Sie lesen B\u00fccher und Zeitungen hinsichtlich ihrer Interessengebiete gr\u00fcndlich, schauen Filme und Ausstellungen an, gehen in Konzerte oder Sportveranstaltungen. Sie interessieren und engagieren sich mit relativ hohem Zeitaufwand neben ihren beruflichen Verpflichtungen und pers\u00f6nlichen Beziehungen auch f\u00fcr andere Themenkomplexe des Wissens \u00fcber die Welt &#8222;drau\u00dfen&#8220; wie zum Beispiel f\u00fcr Kunst, Sport, Geschichte, Philosophie, Politik oder Wirtschaft (oder f\u00fcr mehrere dieser Bereiche). Das Pflegen solchen Orientierungswissens ist so eine Art geistige Luxusbesch\u00e4ftigung f\u00fcr diese Menschen, denn sie tun es \u2013 anders als beim Pflegen ihres instrumentellen Wissens \u2013 ohne Notwendigkeit allein zu ihrem Vergn\u00fcgen, um sich zu orientieren, besser zurechtzufinden in der Welt. Sie erweitern ihren geistigen Horizont und \u00fcben dabei ihr Urteilsverm\u00f6gen, auch wenn sie auf ihrem Interessensgebiet das Niveau eines kundigen Laien nicht \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend das instrumentelle Wissen aufgrund der fortgeschrittenen Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft auf Gruppen der jeweils gleichen (beruflichen) Fachrichtung und der jeweils gleichen Freizeitbesch\u00e4ftigung zugeschnitten ist und daher inselartig aufgeteilt ist, fehlt dem Orientierungswissen die Exklusivit\u00e4t.<\/strong> Es ist allgemein verf\u00fcgbar und breit gestreut. Wer will, kann nicht-spezielles Wissen aus konventionellen und digitalen Medien sch\u00f6pfen. Unabh\u00e4ngig von seinen\u00a0 Lebenszusammenh\u00e4ngen hat jeder Zugang dazu.<\/p>\n<p><strong>Das\u00a0 Orientierungswissen verbindet im jeweiligen Sprachraum Menschen unterschiedlichen beruflichen Spezialwissens \u00fcber alle Gruppengrenzen hinweg.<\/strong> Jeder \u00f6ffentliche Diskurs bezieht sich auf das Orientierungswissen der daf\u00fcr aufgeschlossenen Menschen. Dieses gruppen\u00fcbergreifende allgemeine Wissen ist die Ausgangssituation f\u00fcr einen Mainstream, der Gemeinsamkeiten im Denken und Werten abbildet. Dieser Mainstream wird auch \u201eZeitgeist\u201c genannt, dem sich kein Zeitgenosse v\u00f6llig entziehen kann. Die Herausbildung des Zeitgeistes bietet die mentale Grundlage f\u00fcr eine Verst\u00e4ndigung zwischen unterschiedlich informierten Menschen bei unterschiedlicher Zugeh\u00f6rigkeit zu sozialen Gruppen. <strong>Die Allgemeinheit der Wissensbasis macht sowohl kontroverse Debatten als auch das Verfolgen gemeinsamer (gesellschaftlicher) Ziele m\u00f6glich. Der \u201eTurmbau zu Babel\u201c kann unter dieser Voraussetzung ohne Sprachverwirrung stattfinden.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bleibt auch der Mensch, der sowohl \u00fcber instrumentelles als auch \u00fcber orientierendes Wissen verf\u00fcgt, noch ein st\u00e4ndig Fragender, der sich der Grenzen seines Wissens und Urteilsverm\u00f6gens stets bewusst bleiben muss. Was ich hier meine, hat Peter Sloterdijk so ausgedr\u00fcckt: &#8222;Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erkl\u00e4ren muss. Hebt es den Kopf und blickt \u00fcber den Rand des Offensichtlichen, wird es von Unbehagen am Offenen bedr\u00e4ngt. Unbehagen ist die angemessene Antwort auf den \u00dcberschuss des Unerkl\u00e4rlichen vor dem Erschlossenen.&#8220; (aus: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Suhrkamp 2014)<\/p>\n<p>Welchen Erkenntnisgewinn die Unterscheidung von instrumentellem und orientierendem Wissen bringen kann, werde ich im n\u00e4chsten Beitrag bedenken.\u00a0\u00a0 <a title=\"0.- Inhaltsverzeichnis\" href=\"http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=220\">zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allen Menschen gemeinsam ist das Bem\u00fchen, das eigene Leben zu bew\u00e4ltigen und zu gestalten. Jeder Mensch sieht sich also auf seinem Platz im Leben vor bestimmte z.B. famili\u00e4re und berufliche Aufgaben gestellt und geht seinen speziellen Feizeitneigungen nach. Und auf diese Aufgaben&#8230;<\/p>\n<p><a class='more-link' href='http:\/\/gedankenschuppen.de\/?p=25'>Read More <span class='screen-reader-text'>Wozu brauchen wir unser Wissen? 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